Human Centric Lighting: Was die Forschung wirklich sagt — und warum Hersteller lieber schweigen

Im August 2025 saß Nino Wessolowski an der MSH Medical School Hamburg und wertete Daten aus, für die er mehrere Jahre gebraucht hatte. 789 Probanden. Drei Lichtszenarien. Ein standardisierter Aufmerksamkeitstest. Was dabei herauskam, passt nicht in die Hochglanzbroschüren der Leuchtenhersteller — zumindest nicht vollständig.
Die Studie, als Preprint auf medRxiv veröffentlicht, untersuchte, wie Tageslicht-Weiß, Warmweiß und Neutralweiß die exekutiven Funktionen beeinflussen. Exekutive Funktionen — das ist Forscherjargon für das, was wir im Alltag brauchen: Aufmerksamkeit lenken, Impulse kontrollieren, zwischen Aufgaben wechseln. Der Attention Network Test (ANT), entwickelt von Posner und Fan, misst genau das.
Das Ergebnis: Helles Tageslicht-Weiß schnitt am besten ab, besonders bei der sogenannten Alerting-Komponente — der Fähigkeit, auf einen Reiz vorzubereiten und schnell zu reagieren. Warmweiß dagegen wirkte sich negativ aus. Nicht nur auf das Alerting, sondern auch auf die Executive Attention, die übergeordnete Kontrollfunktion. Einzige Ausnahme: beim Orienting, also der Fähigkeit, Aufmerksamkeit räumlich auszurichten, zeigte Warmweiß überraschend Vorteile.
„Licht ist mehr als ein visueller Stimulus. Es moduliert Aufmerksamkeit und Kognition", schreiben Wessolowski und sein Kollege Tomasz Lukasz Ostrowski. Das klingt nach einer Selbstverständlichkeit. Ist es aber nicht — denn die Forschungslage zu kurzfristigen Lichteffekten war bis dato dünn und widersprüchlich.
Der biologische Hintergrund: Was ipRGCs mit dem Büroalltag zu tun haben
Wer verstehen will, warum Licht überhaupt auf Kognition wirkt, muss kurz in die Netzhaut schauen. Seit den frühen 2000er-Jahren wissen Forscher, dass im menschlichen Auge eine dritte Klasse von Photorezeptoren sitzt: intrinsisch photosensitive Ganglienzellen, kurz ipRGCs. Sie enthalten das Photopigment Melanopsin und reagieren besonders stark auf kurzwelliges blaues Licht um 480 Nanometer.
Diese Zellen senden ihre Signale nicht primär in den visuellen Kortex — sie sind nicht für das Sehen zuständig. Sie verbinden sich über den Retinohypothalamic Tract mit dem Nucleus suprachiasmaticus, dem Haupttaktgeber der inneren Uhr. Dort beeinflussen sie Wachheit, Hormonausschüttung und Schlaf-Wach-Zyklen. Kurz: Was ins Auge fällt, landet nicht nur im Bewusstsein, sondern direkt im Nervensystem.
Genau hier setzt Human Centric Lighting an, kurz HCL. Die Idee ist einfach: Wenn künstliches Licht die innere Uhr beeinflusst, kann man es auch so gestalten, dass es dem natürlichen Tagesrhythmus folgt. Morgens kühles, helles Licht. Nachmittags wärmer und gedimmter. Abends so wenig Blauanteil wie möglich.
Eine Studie in Scientific Reports vom November 2025 zeigte, dass sowohl melanopisch hohes als auch melanopisch niedriges Licht tagsüber die Wachheit und Aufmerksamkeit verbessert — was den Mechanismus weiter verkompliziert. Das melanopische äquivalente Tageslicht-Beleuchtungsstärke (mEDI), ein relativ neuer Messwert aus dem CIE S 026 Standard, versucht, genau diese biologische Wirksamkeit zu quantifizieren. Ein normales Büro mit 500 Lux Beleuchtungsstärke und einer 4000-Kelvin-LED liefert dabei ein völlig anderes mEDI als eine Tageslichtleuchte an einem wolkenlosen Morgen.
Was im Journal WORK stand — und was dabei gerne übersehen wird
Im Februar 2025 erschien im Fachmagazin WORK eine Studie, die seitdem oft zitiert wird: Dynamische Lichtsysteme im Büro fördern das Wohlbefinden der Mitarbeitenden und unterstützen psychische Gesundheit. Die Forschenden zeigten, dass gezielte Lichtsteuerung — angepasst an Tageszeit und circadianen Rhythmus — Müdigkeit reduziert und die Stimmung hebt. Besonders profitieren davon Menschen in fensterlosen oder schwach beleuchteten Räumen.
Das klingt eindeutig. Wer aber die Originalstudie liest (DOI: 10.1177/10519815241305008), merkt die Einschränkungen: Es handelt sich um selbstberichtetes Wohlbefinden, nicht um objektive Leistungsmessungen. Die Wirkungsgrößen sind moderat. Und: „Dynamische Beleuchtung" kann vieles bedeuten — von einfachem Dimmen über Farbtemperaturwechsel bis hin zu vollautomatischen Systemen mit Sensorfeedback.
Das ist kein Vorwurf an die Studie. Wohlbefinden zu messen ist schwer, und selbstberichtete Daten haben ihren Wert. Aber Hersteller, die aus solchen Ergebnissen ableiten, ihre Systeme würden die Produktivität um X Prozent steigern, verkaufen etwas, das die Forschung nicht hergibt.
Wessolowski schreibt in seiner Hamburger Studie explizit: Die kurzfristigen Effekte von Licht auf kognitive Prozesse seien „theoretisch weniger gut verstanden" und hätten in empirischen Studien „gemischte Befunde" geliefert. Mit 789 Probanden ist seine Arbeit die bislang größte kontrollierte Laborstudie zum Thema — und selbst sie endet mit der Forderung nach mehr Forschung, nach physiologischen Messungen wie Pupillometrie und EEG, nach einem besseren Verständnis der Mechanismen.
Bischofswiesen und Schweich: Wenn Theorie in den Schulbau wandert
Während Forscher noch über Mechanismen streiten, entscheiden sich Gemeinden und Schulträger längst. Seit 2024 hat sich in deutschen Schulneubauten etwas verschoben — HCL ist kein Nischenthema mehr.
Die Grund- und Mittelschule Bischofswiesen im Berchtesgadener Land öffnete im Sommer 2024 ihre Türen. 34 Klassenzimmer und Gruppenräume, eine Aula, Mensa, offene Ganztagesschule — 500 Schülerinnen und Schüler, 60 Lehrkräfte. Das Besondere: Heizung, Lüftung, Beleuchtung und Beschattung sind über ein System von Delta Controls Germany miteinander vernetzt. Die Beleuchtung läuft nach HCL-Prinzip: morgens kühles, helles Licht für die erste Stunde, nachmittags warmes, gedimmtes Licht für ruhigere Arbeitsphasen. Lehrerinnen und Lehrer steuern die Lichtszenarien über ein Tablet per QR-Code-Scan im Klassenzimmer — drei Klicks, fertig.
Bürgermeister Thomas Weber nannte das Ergebnis „eine der modernsten Schulen Deutschlands." Das ist Bürgermeisterlob, also mit Vorsicht zu genießen. Aber das Konzept hat einen Kern, der trägt: Wenn die Lehrkraft ohnehin entscheidet, ob Gruppenarbeit oder Stillarbeit dran ist, warum sollte sie nicht auch das Licht anpassen können?
In Schweich, Rheinland-Pfalz, wurde im August 2024 die Frida-Kahlo-Schule eröffnet — ein barrierefreier Neubau für Kinder und Jugendliche mit motorischen Einschränkungen, gebaut für rund 54 Millionen Euro. NAK Architekten aus Berlin planten den Bau, Regiolux und Lichtwerk lieferten die Beleuchtung. In den Klassenzimmern kommen Lichtkanäle des Typs „fino" von Lichtwerk zum Einsatz: blendfreies, gleichmäßiges Licht, das sich als Einzelleuchte, durchgehendes Lichtband oder Lichtobjekt installieren lässt. Die Turnhalle trägt die Regiolux-Leuchte „sportler", ballwurfsicher nach DIN 18032-3, mit Individual.Lens.Optic-Technologie, die jede Linse einzeln auf ihre LED abstimmt.
Was in Schweich auffällt: Hier steht nicht HCL im Vordergrund, sondern Normkonformität und Barrierefreiheit. Die Lichtplanung übernahm das Büro Sanftl Ingenieure aus Grevenbroich, und das Ziel war differenzierte Ausleuchtung für unterschiedliche Tätigkeiten — Frontalunterricht, ruhige Einzelarbeit, interaktive Gruppenarbeit. Kein automatischer Tagesrhythmus, sondern gezieltes Licht für den jeweiligen Moment.
Bischofswiesen setzt auf automatisierte HCL, Schweich auf nutzerkontrollierte Flexibilität. Welches Konzept die Schülerinnen besser weiterbringt, lässt sich ohne Langzeitevaluation nicht sagen. Vermutlich beide besser als ein fensterloser Klassenraum mit 300-Lux-Röhren aus den 1980ern.
Was Hersteller behaupten — und was Studien belegen
Wer sich durch die Websites von Trilux, Regiolux, Zumtobel oder Signify arbeitet, stößt auf ähnliche Versprechen: HCL steigere Wohlbefinden, Produktivität, Konzentration, Schlafqualität. Zahlen werden genannt — 15 Prozent weniger Fehler hier, 12 Prozent mehr Output dort.
Die Belege für solche Zahlen sind in den Quellen meist nicht nachvollziehbar. Manche stammen aus Hersteller-eigenen Pilotprojekten ohne Kontrollgruppe. Andere aus dem Fraunhofer IAO oder dem Human Technology Centre in München, die mit der Industrie kooperieren — was nicht bedeutet, dass die Ergebnisse falsch sind, aber Interessenkonflikte erfordert, transparent zu benennen.
Was die unabhängige Forschung zeigt, ist differenzierter: Licht wirkt. Aber der Effekt hängt stark von der Person, der Tageszeit, der Aufgabe und dem Ausgangsniveau ab. Wer in einem 200-Lux-Keller sitzt, profitiert erheblich von mehr Licht. Wer bereits in einem gut beleuchteten Büro arbeitet, sieht deutlich kleinere Effekte. Und warmweißes Licht, das abends entspannen soll, kann tagsüber tatsächlich die Wachheit dämpfen — wie Wessolowskis Hamburger Daten zeigen.
Eine ehrliche Einordnung findet sich in der PubMed-Übersichtsarbeit „Human-Centric Lighting Research and Policy in the Melanopsin Age" (2024): Die Forschung zu nicht-visuellen Lichtwirkungen sei trotz großer Fortschritte noch jung. Standards wie CIE S 026 und Empfehlungen wie WELL Building Standard versuchen, Messgröße und Grenzwerte zu setzen — aber die Datenbasis für viele dieser Schwellenwerte ist dünn.
Was das für die Praxis bedeutet
Aus dem Stand der Forschung lassen sich trotzdem ein paar Schlüsse ziehen, die auf solidem Boden stehen.
Erstens: Ausreichend Licht kommt vor allem anderen. Die DIN EN 12464-1 fordert für Büros mit Bildschirmarbeit 500 Lux auf der Arbeitsfläche. Viele Bestandsgebäude liegen deutlich darunter. Bevor ein Unternehmen ein HCL-System für fünfstellige Summen kauft, sollte es die Grundbeleuchtung messen. Ein einfaches Lux-Meter kostet 30 Euro.
Zweitens: Tagsüber kühler, abends wärmer. 4000–5000 Kelvin am Morgen, 2700–3000 Kelvin am Nachmittag. Das ist der robusteste Befund aus Jahrzehnten Forschung, nicht weil jede Studie das bestätigt, sondern weil es dem natürlichen Tageslichtrhythmus folgt und keine nachgewiesenen Nachteile hat.
Drittens, und das wird am häufigsten vergessen: Blendung erzeugt Ermüdung schneller als falsche Farbtemperatur. UGR-Werte tauchen in Produktdatenblättern auf, werden aber selten erklärt. UGR unter 19 ist die Anforderung nach DIN EN 12464-1 für Büroarbeit. Das lässt sich mit der richtigen Leuchtengeometrie lösen, ohne irgendetwas auf HCL upgraden zu müssen.
Und viertens: Wessolowskis Hamburger Daten zeigen, dass Warmweiß nicht für alle gleich schlecht ist. Bei der Orienting-Komponente schnitt es besser ab. Menschen reagieren verschieden auf Licht. Systeme, die Steuerung abgeben, sind wahrscheinlich besser als solche, die einen Einheitsrhythmus durchsetzen.
Der Stand der Dinge, ungeschönt
HCL ist kein leerer Marketingbegriff. Die Grundlagenbiologie der ipRGCs ist gut belegt, der Retinohypothalamic Tract existiert, Melanopsin reagiert auf 480-Nanometer-Licht. Licht wirkt auf Kognition. Das ist nicht mehr strittig.
Aber wie viel es wirkt, unter welchen Bedingungen, für wen und mit welchen konkreten Kelvin- und Luxwerten — das ist 2026 noch Gegenstand aktiver Forschung. Wessolowski schreibt am Ende seines Preprints, künftige Studien sollten stärkere Lichtkontraste testen und physiologische Maße wie EEG oder Pupillometrie einbeziehen. 789 Probanden ist die bislang größte kontrollierte Laborstudie zum Thema. Anfang, kein Abschluss.
Wer HCL installieren will, bevor die Forschung das Bild schärfer gezeichnet hat, sollte die Versprechen der Hersteller ernst nehmen — aber nachfragen, woher die Zahlen stammen. Und wer grundsätzlich gutes Licht will, fängt mit dem Lux-Meter an, nicht mit dem Katalog.
Quellen
- Wessolowski, N. & Ostrowski, T. L. (2025). Effects of Human-Centric Lighting on Performance in the Attentional Network Test (ANT) and on Perceived Stress. medRxiv Preprint. DOI: 10.1101/2025.08.01.25332790. MSH Medical School Hamburg. — Link
- Studie im Journal WORK (Februar 2025, SAGE Journals). Dynamische Lichtsysteme im Büro und psychische Gesundheit. DOI: 10.1177/10519815241305008. — Link
- Scientific Reports / Nature (November 2025). Light of both high and low melanopic illuminance improves alertness and attention during daytime. — Link
- News4teachers (Oktober 2025). Moderne Lernräume dank smarter Gebäudeautomation: Der Neubau der Grund- und Mittelschule Bischofswiesen als Vorzeigeprojekt mit Delta Controls Germany. — Link
- Deutsches Ingenieurblatt (Februar 2026). Barrierefreier Schulneubau setzt auf normgerechte LED-Beleuchtung. Frida-Kahlo-Schule Schweich, Regiolux & Lichtwerk. — Link
- PubMed (2024). Human-Centric Lighting Research and Policy in the Melanopsin Age. PMID: 38919981. — Link


