Herr Bressler, 53, ist seit elf Jahren Sicherheitsbeauftragter eines Werkzeugmaschinenbauers im schwäbischen Ostalbkreis, 240 Mitarbeiter, drei Hallen, ein Verwaltungsgebäude aus den achtziger Jahren mit Linoleum im Flur. Vor zwei Jahren hat ein US-amerikanischer Werkzeugkonzern aus Wisconsin die Firma übernommen, und seitdem kommt einmal im Jahr ein internes Audit-Team aus Milwaukee, drei Tage lang, mit Klemmbrettern und einem Fragebogen, der in einem Microsoft-Word-Template aus dem Jahr 2014 steckt. Letztes Jahr hat sich Herr Bressler mit Brandschutzplänen, ZVEH-Prüfprotokollen und DIN-Konformitätserklärungen vorbereitet. Es lief gut, bis der Auditor, ein freundlicher Mann namens Brian, zur Notbeleuchtung kam und fragte: "Can you confirm this lighting is ASTM E 1838 compliant?"

Herr Bressler hat zwanzig Sekunden lang nicht gewusst, ob Brian eine Norm meinte, von der er noch nie gehört hatte, oder ob das ein Tippfehler war, der eigentlich DIN EN 1838 heißen sollte, die deutsche Notbeleuchtungsnorm, die er auswendig kennt. Er hat geantwortet, was Sicherheitsbeauftragte in solchen Situationen immer antworten: "We follow the equivalent European standard, DIN EN 1838." Brian hat genickt, etwas in sein Klemmbrett geschrieben und ist weitergegangen. Herr Bressler hat sich am Abend hingesetzt und ASTM E 1838 gegoogelt, weil er beim nächsten Audit besser vorbereitet sein wollte.

Was er gefunden hat, hat ihn ratlos gemacht. ASTM E 1838 existiert. Es ist eine echte Norm, herausgegeben von ASTM International, der großen US-amerikanischen Standardisierungsorganisation. Aber sie hat mit Notbeleuchtung nichts zu tun. Sie heißt "Standard Test Method for Determining the Virus-Eliminating Effectiveness of Hygienic Handwash and Handrub Agents Using the Fingerpads of Adults". Eine Prüfmethode für Hand-Desinfektionsmittel, entwickelt vom ASTM-Komitee E35 für Pestizide, antimikrobielle Substanzen und Schädlingsbekämpfung. Mit einer Notleuchte hat das so viel zu tun wie ein Apfelkuchen mit einer Bohrmaschine.

Herr Bressler war zuerst irritiert, dann erleichtert, dann ratlos. Wenn ASTM E 1838 nicht die US-Notbeleuchtungsnorm ist, wie heißt sie dann? Und warum hat Brian, ein erfahrener Auditor aus Milwaukee, sie verwendet? Die Antwort liegt in einer der häufigsten Verwechslungen im internationalen Sicherheitswesen, und sie betrifft jedes mittelständische deutsche Unternehmen, das eine US-Mutter, US-Lieferanten oder US-Kunden hat. Dieser Beitrag erklärt, was ASTM E 1838 wirklich ist, warum die Verwechslung passiert, wie die echten US-Notbeleuchtungsregeln heißen, und was deutsche Sicherheitsbeauftragte bei US-Audits konkret vorlegen müssen.

Was ASTM E 1838 wirklich ist

ASTM E 1838 ist seit 1996 die in den USA standardisierte Prüfmethode, mit der die Wirksamkeit von hygienischen Handwasch- und Handdesinfektionsmitteln gegen Viren auf den Fingerkuppen erwachsener Probanden gemessen wird. Konkret werden zehn freiwillige Versuchspersonen mit einem definierten Virusstamm auf den Fingerkuppen kontaminiert, der Wirkstoff aufgetragen, abgespült und der Virus-Restwert in einer Zellkultur gemessen. Die aktuelle Version ist ASTM E 1838-17, herausgegeben vom Subkomitee E35.15 für antimikrobielle Mittel innerhalb des ASTM-Hauptkomitees E35 für Pestizide, antimikrobielle und alternative Bekämpfungsmittel.

Die Norm wird vor allem in der Pandemie- und Krankenhaushygiene eingesetzt. Wer ein Handdesinfektionsmittel in den USA bewerben will, das gegen Norovirus, Hepatitis-A oder Rhinovirus wirkt, muss eine ASTM-E-1838-Studie vorlegen. Mit Notbeleuchtung, Akkus, Fluchtwegen oder Spannungsmessungen hat die Prüfmethode keine Berührung. Wer im US-Audit nach ASTM-E-1838-Konformität für die Notbeleuchtung gefragt wird, hat es entweder mit einem Auditor zu tun, der eine Norm-Bezeichnung verwechselt hat, oder mit einem Konzernfragebogen, der irgendwann von einer Person geschrieben wurde, die DIN EN 1838 in den USA gegoogelt hat und auf das gleichlautende, aber thematisch andere ASTM-Pendant gestoßen ist.

Die Verwechslung passiert häufiger, als man denkt. Die DIN EN 1838 ist die wichtigste europäische Norm für Notbeleuchtung in Gebäuden, überall gut bekannt. Wer in den USA nach ihrem äquivalenten Pendant sucht und in der ASTM-Datenbank den Code "E 1838" eingibt, bekommt eine Trefferseite und liest "Standard Test Method". Das klingt plausibel, bis man die zweite Zeile liest. Aber genau diese zweite Zeile fehlt in vielen Konzernfragebogen, die deutsche Tochterunternehmen bekommen. Die Folge: ein Mythos, der bei jedem US-EU-Compliance-Audit erneut auftaucht.

Warum die richtige US-Norm UL 924 plus NFPA 101 heißt

Die Notbeleuchtung in den Vereinigten Staaten wird nicht durch eine ASTM-Norm geregelt, sondern durch ein Dreigespann aus drei Regelwerken, die ineinandergreifen.

UL 924 ist die Produktnorm. Sie wird von Underwriters Laboratories herausgegeben und legt fest, welche Eigenschaften eine Notleuchte, ein Notausgangsschild oder ein zentrales Notlichtversorgungssystem haben muss, um in den USA verkauft werden zu dürfen. UL 924 schreibt vor, dass die Notbeleuchtung innerhalb von zehn Sekunden nach Stromausfall ihre volle Funktion erreicht, dass sie mindestens neunzig Minuten lang funktioniert, dass die Beleuchtungsstärke im Durchschnitt mindestens eine Fußkerze beträgt (umgerechnet 10,8 Lux) und an jedem Punkt mindestens 0,1 Fußkerzen (1,1 Lux). Die Beleuchtungsstärke darf am Ende der neunzig Minuten auf durchschnittlich 0,6 Fußkerzen abfallen, wobei jeder Punkt mindestens 0,06 Fußkerzen erhalten muss. Das Verhältnis von hellster zu dunkelster Stelle darf den Faktor 40:1 nicht überschreiten.

NFPA 101, der Life Safety Code der National Fire Protection Association, ist die Anwendungsnorm. Sie sagt, wo eine Notbeleuchtung gebraucht wird, wie sie ausgelegt werden muss, wie oft sie zu prüfen ist und wie die Dokumentation aussieht. Section 7.9 des Life Safety Code regelt die Anforderungen an die Notbeleuchtung im Detail. Hier steht die zentrale Anforderung: monatliche Funktionsprüfung von dreißig Sekunden Dauer, jährliche Volltestprüfung über neunzig Minuten, dokumentiert in einem Prüfbuch, das für die Brandschutzbehörde einsehbar ist.

NFPA 110, der Standard for Emergency and Standby Power Systems, ist die Versorgungsnorm. Sie legt fest, wie die Notstromversorgung aussehen muss, in welcher Klasse sie eingestuft wird und wie schnell sie verfügbar sein muss. Für Notbeleuchtung gilt die Mindestklasse Type 10, Class 1.5, Level 1. Das bedeutet: Die Notstromversorgung muss innerhalb von zehn Sekunden anlaufen, mindestens eineinhalb Stunden ohne Nachladen durchhalten und das höchste Level der Zuverlässigkeit erfüllen.

Wer in den USA eine Notbeleuchtung baut, betreibt oder dokumentiert, arbeitet immer mit dieser Dreierkombination. Die Produkte sind UL-924-gelistet oder ETL-gelistet, die Anwendung folgt NFPA 101, die Stromversorgung folgt NFPA 110. Ein Auditor, der nach ASTM-Konformität fragt, hat sich vertan oder eine Vorlage geerbt, die niemand korrigiert hat.

Wie DIN EN 1838 das gleiche Problem regelt

Die deutsche Welt arbeitet mit einer ähnlichen Drei-Schichten-Logik, nur unter anderen Namen.

DIN EN 1838 ist die zentrale Beleuchtungsnorm. Sie wurde 1999 eingeführt, mehrfach revidiert, die aktuell gültige Fassung ist DIN EN 1838:2024. Sie legt die geometrischen und photometrischen Anforderungen an die Notbeleuchtung fest. Auf Fluchtwegen wird eine horizontale Beleuchtungsstärke von mindestens 1 Lux am Boden gefordert, in der Mittellinie. Antipanik-Bereiche, also offene Flächen ohne klar definierten Fluchtweg in denen sich Menschen orientieren müssen, brauchen mindestens 0,5 Lux am Boden, an besonders kritischen Stellen 5 Lux vertikal. Arbeitsplätze mit besonderer Gefährdung, etwa Sägen in Werkstätten oder chemische Misch-Stationen, brauchen mindestens zehn Prozent der Normalbeleuchtung, mindestens 15 Lux.

DIN EN 50172 ist die Anwendungs- und Prüfnorm. Sie schreibt die monatliche Funktionsprüfung vor, die jährliche Vollprüfung über die gesamte Bemessungsbetriebsdauer und die Dokumentation in einem Prüfbuch. Damit ist die Prüfkadenz fast deckungsgleich mit der NFPA-101-Vorgabe.

DIN VDE 0108-100 beziehungsweise die VDE-Bestimmungen für Sicherheitsbeleuchtungs-Anlagen ergänzen, wo zentrale Batteriesysteme, Generatoren oder Einzelbatterieleuchten zulässig sind und welche Installations-Anforderungen gelten.

Die zentrale Bemessungsbetriebsdauer der DIN-Welt liegt bei mindestens einer Stunde, in Sonderbauten bei drei Stunden. Damit ist die deutsche Mindestdauer kürzer als die amerikanischen neunzig Minuten. In der Praxis betreiben die meisten Anbieter ihre Leuchten ohnehin auf drei Stunden, weil dieser Wert in vielen Landesbauordnungen, in Versammlungsstättenverordnungen und in der Muster-Versammlungsstättenverordnung gefordert wird. Wer ohnehin drei Stunden bemessen hat, erfüllt automatisch die US-Anforderung von neunzig Minuten.

DIN EN 1838 gegen UL 924 plus NFPA 101 im Vergleich

Die folgende Tabelle stellt die wichtigsten Anforderungen einander gegenüber. Sie ist die Antwort, die Herr Bressler beim nächsten Audit auf den Tisch legen wird.

AnforderungDIN EN 1838 / EN 50172 (Europa)UL 924 / NFPA 101 (USA)
Mindestbeleuchtungsstärke Fluchtweg1 Lux horizontal am Boden1 fc (10,8 Lux) Durchschnitt, 0,1 fc (1,1 Lux) Minimum
Antipanikbeleuchtung0,5 Lux am Boden, gesamte Flächenicht eigens definiert, fließt in Egress-Beleuchtung ein
Mindestbemessungsbetriebsdauer1 Stunde (Standard), 3 Stunden (Sonderbauten)90 Minuten (1,5 h) durchgehend
Beleuchtung nach voller Dauermindestens Nennwertdarf auf 0,6 fc Mittel und 0,06 fc Min absinken
Höchstes zu niedrigstem Beleuchtungs-Verhältnis40:140:1
Schaltzeit nach Ausfall50 % nach 5 s, 100 % nach 60 s100 % nach 10 s
Monatliche PrüfungFunktionsprüfung, kurzFunktionsprüfung, mindestens 30 s
Jährliche PrüfungVollprüfung über BemessungsbetriebsdauerVollprüfung über 90 Minuten
Doku-PflichtPrüfbuch nach EN 50172Schriftliches Protokoll nach NFPA 101 Section 7.9.3
Zuständige ProduktnormDIN EN 60598-2-22UL 924 oder ETL-Pendant
Stromversorgungs-NormDIN VDE 0108-100NFPA 110, Type 10/Class 1.5/Level 1
Die Tabelle zeigt drei Dinge auf einen Blick. Erstens: Die photometrischen Anforderungen sind im Kern äquivalent, die deutsche 1-Lux-Vorgabe entspricht ungefähr der amerikanischen 1-fc-Vorgabe, weil die fc-Werte umgerechnet etwa zehnmal höher klingen, sich aber auf eine andere Messmethode beziehen. Zweitens: Die Prüfintervalle sind praktisch identisch, monatlich und jährlich, in beiden Welten. Drittens: Die Mindest-Bemessungsdauer ist in den USA mit neunzig Minuten länger als die deutsche Standard-Stunde, aber kürzer als die deutsche Sonderbau-Vorgabe von drei Stunden. Wer in Deutschland auf drei Stunden bemessen ist, deckt die USA mit ab.

Die Geschichte hinter der Verwechslung

ASTM International wurde 1898 als American Society for Testing and Materials in Philadelphia gegründet, ursprünglich um die Qualität von Stahl für den US-Eisenbahnbau zu standardisieren. Heute ist ASTM eine der großen weltweiten Standardisierungsorganisationen mit über zwölftausend aktiven Normen in fast jedem Bereich, von Beton über Kunststoffe bis zu Luftfahrtbauteilen. Eines der Komitees, das ASTM betreibt, heißt F30 und befasst sich seit 1984 mit Emergency Medical Services. Es entwickelt Standards für Krankenwagen-Ausstattung, Notfallausrüstung und medizinische Lagerung-Systeme.

Wer ASTM und Emergency hört, vermutet schnell einen Bezug zur Notbeleuchtung. Tatsächlich aber liegen Notbeleuchtung und Emergency Medical Services in den USA in völlig verschiedenen Welten. Notbeleuchtung ist ein Thema des Brandschutzes, der von NFPA, der National Fire Protection Association, geregelt wird. Emergency Medical Services sind ein Thema der Notfallmedizin, das von ASTM F30 und den staatlichen EMS-Behörden geregelt wird. Beide haben miteinander nichts zu tun.

Die ASTM-Norm E 1838 stammt aus einer dritten Welt, der Hygiene-Industrie. Sie wurde erstmals 1996 publiziert, mehrfach revidiert, die aktuelle Fassung ASTM E 1838-17 von 2017. Sie regelt einen sehr spezifischen Laborversuch: Zehn freiwillige Versuchspersonen werden auf den Fingerkuppen mit einem definierten Virusstamm kontaminiert, ein zu prüfendes Desinfektionsmittel wird aufgetragen, nach definierter Einwirkzeit wird die Restviruslast auf den Fingerkuppen gemessen. Der Test wird vor allem in der Krankenhaushygiene, der Lebensmittelindustrie und der Pandemie-Vorsorge eingesetzt, etwa zur Zulassung von Norovirus-wirksamen Handgels. Mit Beleuchtung hängt sie auf keine erdenkliche Weise zusammen.

Warum aber taucht sie in US-Compliance-Fragebogen für Notbeleuchtung auf? Drei Erklärungen sind üblich. Erstens: Ein US-Auditor, der eine deutsche Tochterfirma prüft, googelt "DIN EN 1838 US equivalent", landet auf einer ASTM-Suchergebnisseite mit "E 1838" und übernimmt die Bezeichnung, ohne die zweite Zeile zu lesen. Zweitens: Ein interner Konzern-Auditor schreibt einen Fragebogen, fügt eine US-Pendant-Liste für europäische Normen hinzu und übersieht den Themen-Wechsel. Drittens: Die Verwechslung steckt schon im Audit-Template und wird seit Jahren mitkopiert, ohne dass jemand sie korrigiert. In jedem Fall liegt die Antwort des Sicherheitsbeauftragten in der gleichen Richtung: ASTM E 1838 ist nicht das richtige Pendant, die richtige Antwort heißt UL 924 plus NFPA 101 plus NFPA 110.

Was deutsche Sicherheitsbeauftragte bei US-Audits vorlegen müssen

Wer in einem mittelständischen Unternehmen mit US-Mutter, US-Lieferanten oder US-Kunden arbeitet, kann sich auf ein paar wiederkehrende Fragen vorbereiten. Die folgende Liste ist die Sammlung der häufigsten Audit-Fragen, geordnet nach Wahrscheinlichkeit, und mit der passenden deutschen Antwort.

Frage eins: Is the emergency lighting UL listed or ETL approved? Die Antwort: Deutsche Notleuchten sind nach DIN EN 60598-2-22 zertifiziert, der europäischen Produktnorm für Sicherheitsleuchten. Eine UL-Listung haben deutsche Hersteller meist nur, wenn sie aktiv den US-Markt beliefern. Acuity Brands, Eaton, Hubbell und Lithonia liefern UL-zertifizierte Notleuchten, deutsche Hersteller wie INOTEC, RP-Group oder CEAG bieten UL-Versionen für ihre exportstärksten Modellreihen. Wer in Deutschland eine reine Inlands-Leuchte verbaut hat, kann mit dem CE-Zeichen, der DIN-EN-60598-2-22-Konformität und der Prüfdokumentation argumentieren, dass die Leuchte den europäischen Äquivalentanforderungen entspricht. Bei US-Konzernaudits ist diese Antwort üblicherweise akzeptiert, weil das EU-USA Mutual Recognition Agreement (MRA) von 1998 explizit den Sektor Electrical Safety umfasst und die jeweiligen Prüfergebnisse als gleichwertig anerkennt.

Frage zwei: Is the system 90-minute capable? Die Antwort: Ja. Die DIN-EN-1838-Standardbemessung ist eine Stunde, aber in Sonderbauten und in der Praxis werden drei Stunden bemessen. Damit ist die US-Anforderung von neunzig Minuten automatisch überfüllt. Wer den Beweis vorlegen muss, zeigt das Prüfbuch nach EN 50172, in dem die jährliche Vollprüfung dokumentiert ist.

Frage drei: Do you have a monthly functional test and an annual full test on record? Die Antwort: Ja. Die monatliche Funktionsprüfung ist nach EN 50172 vorgeschrieben, die jährliche Vollprüfung über die gesamte Bemessungsbetriebsdauer ebenfalls. Beide werden im Prüfbuch nach EN 50172 dokumentiert. Der Prüfer ist eine elektrotechnisch unterwiesene Person, üblicherweise vom hauseigenen Elektroteam oder einer beauftragten Fachfirma. Spätestens alle drei Jahre kommt eine sachverständige Prüfung nach DGUV-Vorschrift 3 hinzu.

Frage vier: What is the recharge time after a full discharge? Die Antwort: Nach EN 50172 müssen die Akkus nach einer Volldischarge innerhalb von vierundzwanzig Stunden wieder mindestens achtzig Prozent ihrer Kapazität erreichen. Innerhalb von 72 Stunden muss die volle Kapazität hergestellt sein. Diese Werte sind nahezu identisch mit den US-Anforderungen aus UL 924, die ebenfalls eine 24-Stunden-Wiederaufladung als Kriterium für die Funktionsbereitschaft nennen.

Frage fünf: Do you have a documented monthly battery voltage check? Die Antwort: In der EN-50172-Welt wird die Akkuspannung beim monatlichen Funktionstest indirekt geprüft, weil das System nur bei ausreichender Spannung den Test besteht. Eine explizite Spannungsmessung am Ende der Prüfung ist nicht zwingend, wird in vielen deutschen Prüfbüchern aber dokumentiert, weil sie bei der Batteriewartung ohnehin anfällt. Wenn der US-Auditor das hier dezidiert verlangt, kann der Prüfer die Spannung am Akkupack messen und in das Prüfbuch eintragen.

Frage sechs: Is the emergency power system NFPA 110 compliant? Die Antwort: Die deutsche zentrale Batterieanlage erfüllt die Anforderungen von DIN VDE 0108-100. Die Schaltzeit ist mit 60 Sekunden in DIN EN 1838 etwas langsamer definiert als die US-Vorgabe von 10 Sekunden, aber in der Praxis schalten alle modernen zentralen Batterieanlagen in unter 5 Sekunden, weil die elektronische Umschaltung das problemlos kann. Eine Bestätigung des Herstellers über die Schaltzeit unter 10 Sekunden reicht in der Regel aus.

Praxistipps für deutsche Sicherheitsbeauftragte mit US-Audit-Risiko

Wer in den nächsten zwölf Monaten ein US-Audit erwartet, kann sich mit fünf Maßnahmen vorbereiten, die wenig Aufwand machen und das Audit deutlich entspannen.

Erstens: Ein deutsch-englisches Compliance-Dossier zusammenstellen. Auf zehn Seiten alle relevanten DIN-Normen mit ihren US-Pendants gegenüberstellen. DIN EN 1838 entspricht UL 924 plus NFPA 101 plus NFPA 110, DIN EN 50172 entspricht NFPA 101 Section 7.9, DIN VDE 0108-100 entspricht NFPA 110. Auf der gegenüberliegenden Seite die zentralen Kennzahlen nebeneinander, in englischer Sprache. Dieses Dokument legt der Sicherheitsbeauftragte beim Audit auf den Tisch, bevor die erste Frage kommt. Damit zeigt er, dass er die internationalen Bezüge kennt und nicht erst beim Audit nachschlagen muss.

Zweitens: Das Prüfbuch nach EN 50172 zweisprachig führen oder mit englischen Spaltentiteln ergänzen. Date, Type of Test, Result, Tester, Signature. Wer das hat, muss bei US-Audits nichts übersetzen.

Drittens: Die CE-Konformitätserklärungen der verbauten Notleuchten als PDF bereithalten. Die meisten Hersteller stellen sie online zur Verfügung. Wer sie im Audit ausdrucken muss, verliert Zeit und Souveränität.

Viertens: Falls eine größere Neuanschaffung ansteht, beim Hersteller nach UL-zertifizierten Modellen fragen. INOTEC, RP, CEAG und Hella führen UL-Versionen ihrer wichtigsten Notleuchten-Linien. Der Aufpreis liegt bei zehn bis dreißig Prozent, der Audit-Aufwand reduziert sich danach auf Null.

Fünftens: Den US-Auditor freundlich aufklären, wenn er nach ASTM E 1838 fragt. Der Satz "ASTM E 1838 is actually the standard test method for the virus-eliminating effectiveness of hygienic handwashes, the U.S. equivalent of our DIN EN 1838 is the combination of UL 924, NFPA 101 and NFPA 110" beendet die Verwechslung dauerhaft. Brian aus Milwaukee wird sich bedanken, weil er die Korrektur im nächsten Jahr in seine Audit-Vorlage übernehmen kann.

Was deutsche Prüfer aus den US-Regeln mitnehmen können

Auch wenn ASTM E 1838 nicht die gesuchte Norm ist, lohnt sich der Blick über den Atlantik. Drei Praktiken aus dem US-Regelwerk sind in Deutschland weniger explizit verankert, können die deutsche Prüfkultur aber bereichern.

Erstens die explizite Vierundzwanzig-Stunden-Volladungs-Anforderung vor jeder Prüfung. NFPA 101 und UL 924 schreiben vor, dass die Akkus vor jeder Vollprüfung vierundzwanzig Stunden geladen sein müssen, damit der Test einen realistischen Worst-Case-Wert liefert. Die DIN-Welt fordert das nicht so explizit, aber wer es übernimmt, bekommt verlässlichere Prüfergebnisse.

Zweitens die explizite Spannungsmessung am Ende der Prüfung. UL 924 fordert, dass die Klemmenspannung des Akkupacks am Ende der neunzig Minuten dokumentiert wird, damit die Restkapazität bewertet werden kann. In der DIN-Welt reicht oft die binäre Aussage "bestanden / nicht bestanden". Wer die Spannungsmessung übernimmt, kann die Akku-Degradation über die Jahre verfolgen und Tauschintervalle präziser planen.

Drittens die Type-10-Zehn-Sekunden-Schaltzeit aus NFPA 110. Die DIN EN 1838 erlaubt sechzig Sekunden, was im Notfall lange ist. Moderne LED-Notleuchten schalten in unter einer Sekunde, weil die LED-Treiber elektronisch sofort verfügbar sind. Wer beim Einkauf darauf achtet, eine Schaltzeit unter zehn Sekunden zu erhalten, schließt die letzte Lücke zwischen DIN-Mindestanforderung und US-Bestpraxis.

Die LED-Lebensdauer-Frage: LM-80 und TM-21

Eine zweite Familie von US-Normen, die deutsche Sicherheitsbeauftragte kennen sollten, betrifft die Lebensdauer der LED-Module in Notleuchten. IES LM-80 ist eine Messmethode der Illuminating Engineering Society, die festlegt, wie LED-Module über mindestens sechstausend Stunden im Betrieb auf ihre Lichtstromabnahme gemessen werden. IES TM-21 ist die Methode, mit der aus diesen Messdaten die L70-Lebensdauer hochgerechnet wird, also der Zeitpunkt, an dem das Modul noch siebzig Prozent seines anfänglichen Lichtstroms abgibt. Eine wichtige Regel dabei: Die Hochrechnung darf maximal das Sechsfache der gemessenen Zeit umfassen. Wer also zehntausend Stunden testet, darf sechzigtausend Stunden hochrechnen, mehr nicht. Wer Werte über sechzigtausend Stunden bewirbt, ohne entsprechend lange gemessen zu haben, verstößt gegen den Standard.

Diese beiden US-Normen sind inzwischen auch in europäischen Datenblättern Standard, weil die meisten LED-Hersteller global verkaufen. Wer in Deutschland eine Notleuchte einkauft, deren Datenblatt L70-Werte von hunderttausend Stunden verspricht, sollte beim Hersteller die zugrundeliegende LM-80-Prüfdauer abfragen. Liegt sie unter rund siebzehntausend Stunden, ist die Lebensdauer-Angabe nicht durch IES TM-21 gedeckt und wird in den USA bei strengen Auditoren beanstandet.

Wann ASTM-Themen in Deutschland wirklich relevant werden

Trotz der Verwechslungen um die Norm E 1838 gibt es Bereiche, in denen ASTM-Standards in Deutschland eine Rolle spielen.

Pharmazeutische Reinräume. US-amerikanische Pharma-Konzerne wie Pfizer, MSD oder Lilly betreiben in Deutschland Werke, die nach US-FDA-Standards laufen. Hier kommen ASTM-Normen für Reinraum-Lichttechnik, Partikel-Messung und Hygiene ins Spiel. Die Notbeleuchtung in solchen Werken folgt weiterhin DIN EN 1838, weil sie sicherheitsrelevant nach deutschem Recht ist, aber die Begleitnormen sind oft ASTM.

Automobilindustrie. Deutsche OEMs und Zulieferer mit US-Werken oder US-Kunden arbeiten regelmäßig mit ASTM-Material-Normen für Stahl, Kunststoffe und Lacke. Die Notbeleuchtung der Werke selbst bleibt DIN-konform.

Schiffbau und IMO. Schiffe, die internationale Gewässer befahren, unterliegen den IMO-Richtlinien der International Maritime Organization. Hier gibt es ASTM F1166 für Human Engineering Design auf Schiffen, der auch Beleuchtungsanforderungen enthält. Diese Norm ist tatsächlich eine ergonomische Beleuchtungsnorm, anders als E 1838.

Lebensmittel- und Hygiene-Industrie. Hier ist ASTM E 1838 tatsächlich relevant, allerdings nicht für die Notbeleuchtung, sondern für die Prüfung der Handhygiene-Produkte, die im Betrieb verwendet werden.

Was die Versicherung in den USA dazu sagt

Ein letzter Aspekt, der bei deutschen Sicherheitsbeauftragten oft erst nach dem ersten US-Audit auftaucht: Die US-amerikanischen Sachversicherer wie FM Global oder AXA XL haben eigene technische Anforderungen, die über die NFPA-Mindestanforderungen hinausgehen können. FM Global Property Loss Prevention Data Sheet 5-29 für Sicherheitsbeleuchtung kann strengere Werte vorschreiben, etwa Schaltzeiten unter fünf Sekunden oder Prüfintervalle von alle drei Monate. Wer die Police eines US-Versicherers hat, sollte das Data Sheet vom Versicherungsmakler anfordern und mit dem DIN-Bestand abgleichen. In der Regel sind die Versicherer-Anforderungen mit dem deutschen Drei-Stunden-Standard und der jährlichen Vollprüfung gut bedienbar, aber ein Abgleich vor dem Schadensfall ist immer eine gute Investition.

Was Herr Bressler beim nächsten Audit machen wird

Herr Bressler hat sich nach seiner Recherche ein zwanzig-Seiten-Dossier erstellt, das er beim nächsten Audit bereithält. Es enthält:

  • Eine deutsch-englische Gegenüberstellung DIN EN 1838 zu UL 924, NFPA 101 und NFPA 110
  • Die CE-Konformitätserklärungen aller verbauten Notleuchten als PDF
  • Das Prüfbuch nach EN 50172 mit englischen Spaltentiteln
  • Eine schriftliche Bestätigung des Notleuchten-Herstellers über Schaltzeit unter 10 Sekunden und 24-Stunden-Wiederaufladung
  • Die letzte sachverständige Prüfung nach DGUV-Vorschrift 3
  • Eine Notiz, die ASTM E 1838 als Hygiene-Norm benennt und die korrekten US-Pendants für Notbeleuchtung auflistet
Brian aus Milwaukee wird im nächsten August wieder kommen, mit dem gleichen Klemmbrett und vermutlich dem gleichen Microsoft-Word-Template aus 2014. Wenn er nach ASTM E 1838 fragt, wird Herr Bressler nicht mehr ratlos sein. Er wird das Dossier auf den Tisch legen, die Verwechslung freundlich aufklären und Brian die NFPA-101-Section-7.9-Doku zeigen, die er parallel zur EN-50172-Prüfung in Englisch führt. Das Audit wird zwanzig Minuten kürzer dauern als letztes Jahr. Wenn Brian aus Milwaukee schlau ist, korrigiert er das Audit-Template, und der Mythos ASTM E 1838 für Notbeleuchtung wird einen Eintrag weniger haben.

Die Lehre lässt sich in einem Satz fassen: Wer ASTM E 1838 für Notbeleuchtung sucht, sucht im falschen Regelwerk. Die richtige US-Norm heißt UL 924 plus NFPA 101 plus NFPA 110, und die deutsche DIN EN 1838 mit ihrer EN-50172-Prüfkadenz erfüllt die US-Anforderungen im Kern automatisch. Wer das Compliance-Dossier vorbereitet hat, geht in jedes US-Audit entspannt.

Quellen