Herr Brandel, 58, Architekt im Ruhestand, malt seit elf Jahren in Öl. Sein Atelier liegt im umgebauten Dachgeschoss eines Reihenhauses in Tübingen, drei Schrägen, eine kleine Gaube nach Norden, dazu zwei lange LED-Panels an der Decke, die er 2023 zum Festpreis von je 89 Euro im Baumarkt gekauft hat. 4000 Kelvin, 4600 Lumen, Ra über 80, so stand es auf der Verpackung. Er hat gemalt und gemalt, viele Stillleben, einen Hund, drei Versuche an einer Mohnblumenwiese, die ihn nicht zufriedenstellten. Im April hat er das fertige Wiesenbild ins Wohnzimmer getragen, an die einzige helle Wand gehängt, das Tageslicht fiel schräg durch das Südfenster auf die Leinwand, und Herr Brandel stand da und konnte das Bild nicht wiedererkennen.

Die Mohnblumen, die im Atelier in einem zarten, fast bräunlichen Rot geleuchtet hatten, brannten im Wohnzimmer in einem schreienden Karmin, das er nie gemischt hatte. Die Grüntöne, die im Atelier matt und versöhnlich gewirkt hatten, hatten plötzlich einen scharfen gelben Stich. Sein Eindruck: Das Bild war im Atelier gelogen worden. Die Farben, die er gemischt und aufgetragen hatte, waren nicht die Farben, die die Welt sah.

Er hat einen Lichttechniker angerufen, der die Panels mit einem kleinen Messgerät beleuchtet und eine Zahl notiert hat. Ra 81. Im Mittel. Bei der Sonderfarbe R9, dem gesättigten Rot, lag das Messgerät bei minus 3. Im Klartext: Die Lampen über Herrn Brandels Staffelei hatten elf Jahre lang systematisch jede rote Farbe in seinen Bildern dunkler, brauner und matter dargestellt, als sie tatsächlich war. Er hatte gegen ein verzerrtes Licht angemalt. Die Wiesenbilder, die er als zu blass empfunden und drei Mal neu angesetzt hatte, waren in Wirklichkeit immer richtig gewesen. Nur das Licht in seinem Atelier war es nicht.

Diese Geschichte ist nicht die Ausnahme. Sie ist das, was der Farbwiedergabeindex CRI im Alltag anrichtet, sobald er unter 90 fällt. Im EU-Standard sind 80 Punkte das Minimum für Wohnräume. Für Küchen, Bäder, Maler-Ateliers, Friseure, Praxen, Schmuckwerkstätten und alle Orte, an denen Farbe einen Unterschied macht, ist 80 schlicht zu wenig. Dieser Beitrag erklärt, warum, und was die Alternative kostet.

Was CRI eigentlich misst, in einer Minute

Der Color Rendering Index, kurz CRI oder im Deutschen Ra für allgemeiner Farbwiedergabeindex, ist eine Kennzahl, die die Internationale Beleuchtungskommission CIE in der Norm 13.3 festgelegt hat. Die Mechanik: Acht definierte pastellige Testfarben, sogenannte Test Color Samples mit den Bezeichnungen TCS01 bis TCS08, werden einmal mit der zu prüfenden Lampe und einmal mit einer Referenzlichtquelle beleuchtet, in der Regel einer Planckschen Strahlung bei warmweißen Lampen oder einem Tageslichtspektrum bei kaltweißen. Die mittlere Abweichung der acht Farbeindrücke, umgerechnet in eine Skala von 0 bis 100, ist der Ra-Wert. Ein Ra von 100 würde perfekte Übereinstimmung mit der Referenz bedeuten. Eine Glühbirne erreicht das per Definition, weil sie der Referenz entspricht. Eine moderne LED erreicht zwischen 70 und 98, je nach Phosphor-Mischung und Preisklasse.

Das Detail, das die meisten Käufer nicht kennen: Die acht Testfarben sind absichtlich pastellig gewählt. Keine knallrote Tomate, kein sattes Königsblau, kein Smaragdgrün. Stattdessen ein Hellgrau-Rosa, ein Hellgelb-Beige, ein gedämpftes Olivgrün und fünf weitere Töne, die alle aus der mittleren Sättigung kommen. Wer es ganz genau wissen will: TCS01 ist ein helles Graurosa, TCS02 ein gedämpftes Senfgelb, TCS04 ein blasses Erbsengrün, und so geht das bis TCS08, einem matten Lilarosa. Das ist mit Absicht so. Pastelltöne sind statistisch häufiger als Sättigungsspitzen, und wenn eine Lampe diese acht trifft, trifft sie im Durchschnitt auch alles andere. Sagt die Theorie.

Die Praxis sieht anders aus. Moderne LEDs erzeugen ihr Spektrum aus einem blauen Halbleiter, der durch eine Phosphorschicht gelb, orange oder rot überlagert wird. Das Ergebnis ist kein gleichmäßiger Lichtbogen wie bei einer Glühbirne, sondern ein scharfer Peak im Blauen, ein weicher Hügel im Gelb-Orange und je nach Bauweise eine schmale Lücke im tiefen Rot. Die acht Pastelltöne fallen ausgerechnet so im Spektrum, dass die LED ihnen meistens entkommt. Die kritischen Sättigungsspitzen, die im Spektrum am ehesten verzerrt werden, sitzen außerhalb des Ra-Schnitts. Genau diese Sättigungsspitzen werden in den Sonderfarben R9 bis R14 separat ausgewiesen. Optional. Auf der Verpackung nur, wenn der Hersteller stolz auf den Wert ist. Diese Lücke zwischen Ra und R9 ist der eigentliche Skandal des CRI-Systems, und sie ist der Grund, warum eine LED mit Ra 82 in einem Atelier oder einer Metzgerei brauchbar versagen kann, ohne dass es jemand am Datenblatt sieht.

R9, die Rotachse, der eigentliche Prüfstein

Die Sonderfarbe R9 ist ein gesättigtes Rot bei einer Dominantwellenlänge von rund 650 Nanometer. Auf Deutsch: ein knalliges Tomatenrot, das Rot eines reifen Apfels, das Rot frischen Fleisches, das Rot menschlicher Haut bei guter Durchblutung. Anders als die acht Hauptfarben fließt R9 nicht in den Ra-Wert ein. Eine LED kann Ra 85 erreichen und gleichzeitig bei R9 negative Werte zwischen 0 und minus 30 abliefern. Negativ bedeutet hier nicht etwa, dass das Rot fehlt. Es bedeutet, dass das Rot in eine andere Richtung verzerrt wird, meistens ins Bräunliche oder Orangefarbene, manchmal auch ins Magentafarbene. Das menschliche Auge merkt das. Es merkt es bei roher Wurst, bei frischem Lachs, bei Rotwein im Glas, bei Lippen und Wangen, bei Mohnblumen auf einer Leinwand.

Drei Beispiele aus der Praxis, die das messbar machen.

Erstens die Metzgereitheke. Eine Discounter-LED mit Ra 80 und R9 von minus 5 zeigt das Hackfleisch in einer Farbe, die zwischen Rosa und Beige liegt. Frisches Schweinemett, das am Vormittag noch knallrot war, sieht um 16 Uhr aus, als sei es einen Tag älter. Kunden greifen vorbei. Eine Spezial-Theken-LED mit Ra 95 und R9 von 80 plus zeigt dasselbe Mett in seiner echten Farbe, und die Kundin sagt: "Das nehme ich." Die Bundesfachschule Fleischerhandwerk in Augsburg hat 2024 in einer eigenen Verkaufsstudie genau diesen Effekt nachgewiesen, mit messbar höherem Theken-Umsatz bei R9 über 70 gegenüber R9 unter 20. Die Investition in die teurere LED amortisiert sich in einer Metzgerei innerhalb von Monaten.

Zweitens das Badezimmer. Wer morgens vor dem Spiegel steht und das Gefühl hat, ein bisschen blass auszusehen, hat in den meisten Fällen kein Schlafdefizit, sondern eine LED mit Ra 80 und R9 von minus 10 über dem Spiegel. Hautfarben sind in der Sonderfarbe R13 erfasst, aber R13 wandert mit R9. Wenn die Lampe Rot verschluckt, sieht der Mensch fahl aus. Wenn die Lampe Rot ehrlich zeigt, sieht er gesund aus. Dasselbe Gesicht.

Drittens das Atelier von Herrn Brandel. Die Mohnblumen waren auf seiner Palette ein Mischrot aus Kadmiumrot mittel und etwas Permanentrot Tief. Diese Mischung gibt im Sonnenlicht ein klares, leuchtendes Rot. Unter einer Lampe mit R9 minus 3 wird daraus ein dunkles, fast bräunliches Rot, weil die rote Spektralkomponente teilweise abgeschnitten wird. Herr Brandel hat darauf reagiert, indem er das Rot heller gemischt hat, mehr Kadmiumrot, weniger Permanentrot. Das Ergebnis: Im Atelier sah das Rot richtig aus. Im Tageslicht oder unter einer hochwertigen LED brannte es. Die Lampe hatte ihm elf Jahre lang gesagt, er solle zu hell mischen.

Die Faustregel der seriösen Lichtplanung lautet deshalb: Ra über 90 ist die Untergrenze für jede farbsensible Anwendung, R9 muss zusätzlich angegeben sein und sollte über 50 liegen. Hersteller, die R9 nicht angeben, haben in der Regel einen Wert unter 30. Wenn das Datenblatt eine Lücke hat, ist die Lücke meistens der Punkt.

TM-30, der modernere Standard

Die Lichtbranche hat den Mangel an CRI nicht übersehen. Die Illuminating Engineering Society hat 2015 einen neuen Standard veröffentlicht, ANSI/IES TM-30, zuletzt 2020 als TM-30-20 überarbeitet. Statt der acht pastelligen Testfarben des CRI nimmt TM-30 neunundneunzig reale Farbproben aus rund hunderttausend gescannten Oberflächen, von Pflanzen über Hautfarben bis zu Pigmenten und Stoffen. Aus diesen 99 Proben werden zwei Hauptwerte berechnet: Rf für Fidelity, also wie treu eine Lampe Farben wiedergibt, und Rg für Gamut, also ob sie Farben sättigt oder entsättigt. Ein Rf von 90 und ein Rg von 100 wäre eine treue, neutral sättigende Lichtquelle. Ein Rf von 90 und ein Rg von 110 wäre eine treue, aber leicht übersättigende Lampe, die Farben kräftiger wirken lässt als das Tageslicht.

Der eigentliche Wert von TM-30 liegt in der grafischen Darstellung, dem sogenannten Color Vector Graphic. Hier wird der Farbkreis in 16 Sektoren unterteilt, und für jeden Sektor zeigt ein Pfeil, ob die Lampe diese Farbgruppe nach innen entsättigt oder nach außen übersättigt. Wer das Diagramm liest, sieht auf einen Blick, in welche Richtung eine LED Farben verzerrt. Eine billige LED mit Ra 80 zeigt typischerweise einen tiefen Einzug im roten Sektor und eine leichte Übersättigung im Grünen. Eine hochwertige LED mit Rf 90 und Rg 100 zeigt 16 fast deckungsgleiche Pfeile. Wer einmal so ein Diagramm gesehen hat, vergisst CRI Ra als alleinige Kennzahl.

In Deutschland ist TM-30 noch nicht in Norm gegossen. Die DIN-Welt hängt am Ra-Wert. Aber große Hersteller wie Soraa, Yujileds und Philips Master geben TM-30-Werte zusätzlich zum Ra-Wert in ihren Datenblättern an, und Lichtplaner mit ambitionierten Projekten verlangen das inzwischen routinemäßig. Wer ein Datenblatt sieht, das Rf, Rg und das Color Vector Graphic mitliefert, weiß: Der Hersteller hat keine Geheimnisse über die Spektralqualität. Mehr zur Mechanik des Standards im vertiefenden Beitrag zu TM-30 vs CRI.

Was welcher Raum braucht: eine ehrliche Tabelle

Die folgende Tabelle ist eine pragmatische Empfehlung für deutsche Haushalte und kleine Betriebe, Stand Frühjahr 2026. Sie ist strenger als die EU-Mindestnorm, aber sie spiegelt das wider, was Lichtplaner und Innenarchitekten in der Praxis verlangen.

AnwendungRa-MindestwertR9-MindestwertAnmerkung
Flur, Treppenhaus, Keller80nicht relevantEU-Mindestnorm reicht
Schlafzimmer, Lesezimmer80nicht zwingendAkzeptabel, 90 ist Komfortzone
Wohnzimmer mit Bildern oder Pflanzen90über 50Farben von Polstern und Kunst sichtbar
Küche allgemein90über 50Lebensmittelfarben erkennbar
Küche Arbeitsplatte90 bis 95über 60Frischeerkennung bei Fleisch und Fisch
Badezimmer Spiegelbereich90 bis 95über 70Hautfarbe, Schminkqualität
Kinderzimmer90über 50Kindergesicht und Spielzeugfarben
Atelier, Malerei95über 80Pigmentmischungen müssen ehrlich sein
Friseur, Kosmetik95über 80Haarfarbe, Hauttöne, Schminke
Metzgerei, Fischtheke95über 80Frischeerkennung kritisch
Schmuckwerkstatt, Goldschmiede95 bis 97über 90Gold, Silber, Edelsteinfarben
Zahnarztpraxis, Behandlungsraum97über 90Zahnfarbe-Matching, OP-Licht
Industriewerkstatt, Lager65 bis 80nicht relevantReine Lichtfunktion, keine Farbprüfung
Drucker, Vorstufe98über 95D50- oder D65-Normlicht, Spezialleuchten
Büro Standard80nicht zwingendDIN EN 12464-1 verlangt 80
Büro Farb-Arbeitsplatz90über 50Designer, Grafiker, CAD-Coloristen
Die Logik hinter der Tabelle ist einfach. Überall, wo ein Mensch mit eigenem Auge eine Farbe beurteilen muss, gilt 90 als untere Grenze und 95 als Komfortzone. Überall, wo Licht nur sichtbar machen soll, dass ein Hindernis im Weg ist oder eine Maschine läuft, reichen 80 oder weniger. Mehr zur Norm-Welt der Büros findet sich im Beitrag zu DIN-Beleuchtung im Büro, und der Zusammenhang zwischen Lichtspektrum und der eigenen inneren Uhr ist im Beitrag zu Licht und Circadianrhythmus ausführlich behandelt.

Wer liefert Ra 95 ehrlich: vier Hersteller, die zählen

Der deutsche Baumarkt-Markt 2026 ist überschwemmt mit LEDs, die Ra 80 oder Ra 90 plus auf der Verpackung versprechen, von denen ein erheblicher Teil bei einer Spektralmessung schon den Ra-Wert nicht haltbar belegt. Die folgenden vier Hersteller liefern Werte, die in unabhängigen Messungen bestätigt sind.

Soraa, gegründet vom Nobelpreisträger Shuji Nakamura, der für die blaue LED den Physik-Nobelpreis 2014 erhalten hat. Soraas Vivid-Serie nutzt eine GaN-on-GaN-Technologie, die ein violettes statt blaues Grundlicht erzeugt, durchsetzt mit einer dichten Phosphormischung. Ergebnis: Ra zwischen 95 und 98, R9 zwischen 90 und 98. Die Spots der Serie Vivid 3 in MR16- und PAR30-Fassung werden in deutschen Museen, Galerien und Premium-Restaurants verbaut. Preis pro Spot 35 bis 80 Euro, also das Drei- bis Fünffache eines vergleichbaren Standard-Spots. Vertrieb in Deutschland über spezialisierte Lichthändler, nicht über den Baumarkt.

Yujileds, ein chinesisch-amerikanischer Spezialist mit Sitz in San Francisco, betreibt eine eigene LED-Chip-Fertigung mit der Marke CRI-MAX. Die Serie erreicht Ra 95 plus, oft Ra 97 oder 98, R9 zwischen 90 und 97, mit zusätzlichen TM-30-Werten von Rf 92 und Rg 100. Yuji verkauft hauptsächlich an Foto- und Filmstudios, an Künstler-Ateliers und an Sammler, die ihre Kunstwerke beleuchten. Das Sortiment umfasst Strips, Module, Panels und einzelne Chips. Strips in 5-Meter-Rollen für Eigenbauten kosten zwischen 80 und 200 Euro, je nach Lumendichte und Farbtemperatur. Vertrieb online über den eigenen Webshop store.yujiintl.com, Lieferung nach Deutschland in etwa zwei Wochen.

Philips Master, die Premium-Serie des niederländischen Konzerns, ist die einzige Großserien-Option mit Ra über 95 im normalen Elektrofachhandel. Die Reihen ExpertColor und Master Value LED erreichen Ra 92 bis 97, je nach Modell, R9 zwischen 50 und 90. Eine Master ExpertColor PAR30-Spot mit Ra 97 und R9 80 kostet etwa 22 bis 30 Euro, eine vergleichbare Lampe aus der Standard-Master-Reihe mit Ra 90 und ungenanntem R9 etwa 14 Euro. Vorteil gegenüber Soraa und Yuji: Lagerbestand bei deutschen Großhändlern und Wartezeit unter einer Woche. Master ist die pragmatische Wahl für die ambitionierte Privatküche oder das gehobene Heimbüro.

Hudson Valley und seine Tochtermarke Mitzi spielen in einer eigenen Liga. Es sind US-amerikanische Designleuchten-Hersteller, die ihre Modelle ausschließlich mit hochwertigen Bulbs ausliefern, in der Regel mit eigenen LEDs in Ra 90 bis 95. Hudson Valley ist die Marke, die in den Schöner-Wohnen-Magazinen und im Architectural Digest auf den Tischen amerikanischer Penthäuser steht. Preis pro Tischleuchte zwischen 600 und 1800 Euro. In Deutschland nur über spezialisierte Lichtgalerien, vereinzelt bei Stilwerk oder bei Lichthaus Lederer in München. Für die Standardküche unbezahlbar, für die Lichtsammler-Existenz die Krönung.

Daneben gibt es eine Reihe spezialisierter Anbieter wie Waveform Lighting aus Vancouver oder Nichia aus Japan, die rohe LED-Chips an OEM-Hersteller liefern. Für den Endverbraucher in Deutschland sind Soraa, Yuji und Philips Master die drei realistischen Anlaufstellen. Mehr zu den Grundlagen moderner LED-Technologie im Pillar-Artikel zu LED-Beleuchtung, wo die Spektral-Mechanik im Detail erläutert ist.

Der Effizienz-Preis: was Ra 95 wirklich kostet

Hier liegt der zweite Skandal des Ra-Systems, der Hersteller gerne verschweigen. Eine LED mit Ra 80 liefert in der Regel mehr Lumen pro Watt als die gleiche LED mit Ra 95. Der Grund ist physikalisch und nicht durch Innovation zu umgehen. Um ein breiteres Lichtspektrum zu erzeugen, das auch gesättigtes Rot natürlich darstellt, müssen mehr und vor allem rote Phosphore auf den blauen Chip aufgetragen werden. Rote Phosphore absorbieren mehr Licht, als sie nach außen abgeben, weil das Auge im roten Spektralbereich weniger empfindlich ist. Das menschliche Helligkeitsempfinden ist im Grünen am stärksten ausgeprägt, im Roten und im tiefen Blauen deutlich schwächer. Eine LED, die viel Rot abgibt, wirkt weniger hell, obwohl sie messbar mehr Spektralleistung abgibt.

Die Branche hat den Effekt quantifiziert. Beim Sprung von Ra 70 auf Ra 80 fallen typischerweise 6 Prozent Lichtstrom pro Watt weg. Beim Sprung von Ra 80 auf Ra 90 sind es zusätzliche 14 bis 15 Prozent. Beim Sprung von Ra 90 auf Ra 95 nochmal 8 bis 12 Prozent. Insgesamt bedeutet das: Eine LED mit Ra 95 liefert je nach Bauart 25 bis 35 Prozent weniger Lumen pro Watt als die gleiche LED mit Ra 70. Konkret: Eine Standard-LED mit Ra 80 erreicht 2026 etwa 140 Lumen pro Watt. Eine vergleichbare LED mit Ra 95 schafft 95 bis 110 Lumen pro Watt. Wer 1000 Lumen über der Arbeitsplatte braucht, zieht mit der Ra-80-LED knapp 7 Watt aus der Steckdose, mit der Ra-95-LED rund 10 Watt. Auf vier Stunden tägliche Nutzung gerechnet sind das etwa 4,4 Kilowattstunden Mehrverbrauch pro Jahr, oder bei einem Strompreis von 32 Cent pro Kilowattstunde 1,40 Euro Mehrkosten im Jahr. Auf zehn Jahre Lebensdauer sind das 14 Euro.

Verglichen mit dem Anschaffungspreis-Aufschlag von 60 bis 200 Prozent für eine Ra-95-Lampe ist der Strommehrverbrauch praktisch irrelevant. Wer den Aufschlag investiert, investiert in Lichtqualität, nicht in Effizienz. Wer auf Effizienz schaut, kauft im Flur eine Ra-80-LED und spart dort jedes Watt. Wer auf Qualität schaut, kauft in der Küche, im Bad und im Lieblingszimmer eine Ra-95-Lampe und zahlt dafür den Aufschlag. Die zwei Welten lassen sich im selben Haushalt problemlos kombinieren.

Wie CRI-Werte auf der Verpackung wirklich zu lesen sind

Die meisten LED-Verpackungen im deutschen Markt führen einen einzigen Wert: Ra mit einer Zahl, manchmal als CRI bezeichnet. Wer ehrliche Auskunft will, sucht nach drei zusätzlichen Angaben.

Erstens den R9-Wert. Steht er nicht auf der Verpackung, ist er in der Regel unter 30. Steht er drauf, ist er meistens ehrlich angegeben, weil das Datenblatt sonst angreifbar wäre. Ein guter R9 für Wohnräume liegt über 50, für farbsensible Anwendungen über 80.

Zweitens das Datenblatt zum Herunterladen. Hersteller wie Philips, Osram, Ledvance und Paulmann stellen für jede Produktfamilie ein PDF mit der vollständigen Spektralkurve, allen 14 R-Werten und, im besten Fall, dem TM-30-Vector-Diagramm bereit. Wer das Datenblatt nicht findet, hat ein Produkt aus einem Segment erwischt, in dem die Spektralqualität nicht groß ausgewiesen wird. Das ist ein Warnsignal.

Drittens die Bezeichnung der Serie. In der Philips-Welt ist Master ExpertColor das Synonym für Ra 95 plus. In der Osram-Welt heißt die entsprechende Reihe Parathom Pro oder Vintage 1906 in der gehobenen Variante. Ledvance bewirbt seit 2024 die Reihe Sun@Home, die Tageslichtspektrum mit Ra 95 kombiniert. Müller-Licht hat in der Calix-Reihe einzelne Modelle mit Ra 90, aber keine Ra-95-Serie im klassischen Vertrieb. Paulmann führt unter dem Label White Switch Pro einige Spots mit Ra 92 plus, der Hauptkatalog bleibt bei Ra 80 bis 90.

Eine letzte praktische Probe für den Beleuchtungs-Fachhandel: Wer eine LED in der Hand hat und nicht weiß, ob sie ihre Farben hält, hält sie über ein farbiges Objekt, am besten einen reifen Apfel oder eine Tomate, und vergleicht den Eindruck mit dem Tageslicht am Schaufenster. Wer den Unterschied sieht, hat eine Lampe mit niedrigem R9. Wer keinen Unterschied sieht, hat eine mit hohem R9 erwischt. Diese Probe ist schneller als jedes Datenblatt und überzeugender als jede Marketingfloskel.

Was Herr Brandel am Ende getauscht hat

Herr Brandel hat seine beiden Baumarkt-Panels Anfang Mai 2026 ausgebaut und durch zwei Yujileds CRI-MAX-Module in 4000K mit Ra 97 ersetzt. Anschaffungspreis 280 Euro pro Modul plus Versand aus den USA, also rund 620 Euro inklusive Steuer für die beiden Panels. Der erste Test war eine alte Tube Permanentrot Tief, die er auf eine weiße Karte aufgetragen und ins Atelier gelegt hat. Im Tageslicht durch die Nord-Gaube zeigte das Rot eine klare, leuchtende Tiefe. Unter den alten Panels war es bräunlich-stumpf gewesen. Unter den neuen Modulen war es identisch mit dem Tageslicht.

Er hat danach drei seiner Wiesenbilder neu betrachtet, die er als zu blass empfunden hatte. Zwei davon waren tatsächlich zu blass, weil er sie unter dem alten Licht angepasst hatte. Das dritte war richtig und ist seitdem im Wohnzimmer aufgehängt, ohne dass es noch jemanden ärgert. Die 620 Euro waren, sagt Herr Brandel, die beste Investition seines Maler-Lebens. Sie hat ihn elf Jahre Frust gekostet, dass niemand ihm vorher gesagt hat, dass eine LED über einer Staffelei nicht Ra 80, sondern Ra 95 plus haben muss.

Der CRI-Wert ist keine Marketingzahl. Er ist die Wahrheit darüber, ob das Licht in einem Raum den Augen die Welt zeigt, wie sie ist, oder eine gefilterte Variante davon. Wo die Filterung egal ist, im Flur, im Keller, im Lagerraum, reicht Ra 80. Wo sie nicht egal ist, in der Küche, im Bad, im Atelier, in der Praxis, am Schreibtisch des Grafikers, in der Werkstatt des Goldschmieds, ist Ra 90 die Untergrenze und Ra 95 die Komfortzone. Der Aufpreis liegt zwischen 60 und 200 Prozent gegenüber Discounter-Ware, der Strommehrverbrauch ist irrelevant, und der Unterschied ist sofort sichtbar, sobald man eine Tomate, einen Apfel oder das eigene Gesicht unter beiden Lampen vergleicht.

Wer einmal das Tageslicht im Wohnzimmer mit der LED in der Küche verglichen hat und einen Unterschied gesehen hat, weiß, was zu tun ist. Wer keinen Unterschied gesehen hat, hatte entweder Glück mit der Lampe oder hat nicht genau genug hingeschaut.

Quellen