LED-Lampe glimmt nach dem Ausschalten: Warum Ihre Treppenhauslampe nachts wie eine Glühwürmchen-Disco pulsiert — und welche der vier üblichen Ursachen tatsächlich zutrifft

Frau Eberle stand im November 2024 das erste Mal auf, weil sie in der Diele etwas leuchten sah. Nicht das Standby-Licht des Routers, das sie kannte, und auch nicht das Nachtlicht im Bad, das sie selbst eingesteckt hatte. Es war die Hauptlampe, die ein Schalter weg war und seit drei Stunden ausgeschaltet sein musste. Sie leuchtete nicht voll, aber sie leuchtete sichtbar — ein gleichmässiges, warmweisses Glühen, etwa so hell wie das Display eines DECT-Telefons. Frau Eberles Mann sagte, das habe er auch schon gesehen, das mache nichts. Frau Eberle, die an diesem Abend zum ersten Mal über das Phänomen stolperte, war anderer Meinung.
Was sie an dem Punkt nicht wusste: Sie hatte gerade die kapazitive Einkopplung in einer Wechselschaltung kennengelernt, eines der unterhaltsamsten Phänomene der Elektroinstallation. Es bedeutet, dass eine LED-Lampe leuchten kann, obwohl der Schalter aus ist und obwohl objektiv kein gewöhnlicher Stromkreis geschlossen ist. Aus Sicht eines Physikers ist das fast schon poetisch: Eine Lampe, die durch reines Magnetfeld der Nachbarleitung leuchtet. Aus Sicht von Frau Eberle war das nicht poetisch, das war eine Lampe, die nicht ausgeht.
LEDs zum Glimmen zu bringen, ohne dass jemand einen Schalter umlegt, ist überraschend einfach. Eine moderne LED braucht so wenig Strom, dass schon wenige Milliampere ausreichen, um sie sichtbar leuchten zu lassen. Eine herkömmliche Glühbirne, an deren Stelle die LED tritt, hatte eine Anlaufschwelle von ungefähr 230 Volt mal mehrere zehn Milliampere — also einer Leistung, die in einer Grössenordnung lag, in der Streuströme keine Rolle spielten. Ein moderner LED-Treiber dagegen reagiert auf Mikroampere. Was bei einer 60-Watt-Glühbirne ein unhörbares Säuseln war, ist bei einer 5-Watt-LED ein sichtbares Leuchten. Das ist der Grund, warum dieses Phänomen erst seit ungefähr 2015 in deutschen Hausfluren auftritt.[^1]
Die Diagnose ist nicht trivial, weil es vier mögliche Ursachen gibt — und bei jeder hilft eine andere Lösung. Wer nicht systematisch nachsieht, sondern blind ein RC-Kompensationsmodul kauft, hat in der Hälfte der Fälle das richtige getan und in der anderen Hälfte hundert Euro für Zeug ausgegeben, das niemand braucht. Der folgende Artikel erklärt zuerst die vier Ursachen, dann den Diagnose-Test, mit dem man in zehn Minuten weiss, an welchen man dran ist, und schliesslich die Behebung pro Fall.
Die vier Verdächtigen
Verdächtiger Eins: Der Schalter mit Glimmlampe. Das ist der häufigste Fall in deutschen Wohnungen, weil viele Lichtschalter — insbesondere in Hausfluren, Treppenhäusern und im Bad — eine kleine orangene Glimmlampe oder LED enthalten, die im Dunkeln den Schalter sichtbar macht. Diese Glimmlampe wird dadurch versorgt, dass sie parallel zur eigentlichen Last (also der Lampe) sitzt. Bei ausgeschaltetem Schalter fliesst durch die Glimmlampe ein winziger Strom — ein, zwei, vielleicht drei Milliampere — durch die LED. Eine 60-Watt-Glühbirne hat das gar nicht bemerkt; eine 5-Watt-LED denkt, sie wird gerade gedimmt.[^2]
Verdächtiger Zwei: Die Wechselschaltung mit kapazitiver Einkopplung. In einer Wechselschaltung — typisch für Hausflure, in denen man oben und unten ein- und ausschalten kann — laufen mehrere Leitungen parallel im selben Kabelschacht oder im selben Leerrohr. Wenn die Phase auf einer dieser Leitungen anliegt (etwa weil eine andere Lampe brennt), bildet sich zwischen der unter Spannung stehenden Leitung und der ausgeschalteten Lampenzuleitung eine kapazitive Kopplung — die beiden Leitungen wirken wie die Platten eines Kondensators. Das genügt, um eine LED-Lampe glimmen zu lassen. Diese Variante ist die unangenehmste, weil sie nichts Defektes diagnostiziert: Die Installation ist normgerecht, der Effekt ist physikalisch unvermeidbar, und die einzige saubere Lösung ist ein Kompensationsmodul.[^3]
Verdächtiger Drei: Der Phasenanschnittdimmer. Wenn die Lampe an einem Dimmer hängt, der nicht für LED-Last ausgelegt ist (also ein älterer Phasenanschnittdimmer für Glühlampen), führt der Dimmer im ausgeschalteten Zustand oft eine Restspannung. Das hat damit zu tun, dass diese Dimmer eine Mindestlast brauchen, um sauber abzuschalten — eine Glühlampe von 60 Watt erfüllte diese Mindestlast, eine 5-Watt-LED nicht. Die Restspannung ist dann gross genug, um die LED zum Glimmen zu bringen.[^4]
Verdächtiger Vier: Induzierte Spannung im Leerrohr. Eine Variante von Verdächtiger Zwei, aber technisch ein anderer Effekt: Wenn eine stromführende Leitung über mehrere Meter parallel zu einer ausgeschalteten Leitung im selben Leerrohr läuft, kann sich nicht nur eine kapazitive, sondern auch eine induktive Kopplung bilden. Das passiert vor allem bei längeren Leitungswegen — typisch zwischen Verteilerdose und Lampe in Altbauten, in denen viele Leitungen in einem Schacht zusammenlaufen.
Die Zehn-Minuten-Diagnose
Bevor man irgendetwas kauft oder einen Elektriker ruft, kann man in zehn Minuten den Verdächtigen identifizieren. Werkzeug: ein Schraubendreher, eine zweite (möglichst herkömmliche) Glühbirne als Vergleichslast, und gegebenenfalls die Klemmleiste der Verteilerdose. Strom abschalten am Sicherungskasten, bevor man irgendetwas öffnet — das ist nicht verhandelbar.
Test eins: Glühbirne reinschrauben. Tauschen Sie die LED gegen eine alte Glühbirne oder eine Halogenlampe aus. Wenn die Glühbirne nicht glimmt, aber die LED es tut, dann ist Ursache jeder der vier Verdächtigen plausibel. Wenn die Glühbirne auch leicht glimmt — was sehr selten ist —, dann liegt eine erhebliche Restspannung an, und Sie haben ein ernsteres Problem.
Test zwei: Schalter prüfen. Schauen Sie sich den Lichtschalter genau an. Hat er eine kleine orangefarbene Glimmlampe oder LED, die im Dunkeln leuchtet? Wenn ja, ist Verdächtiger Eins der wahrscheinliche Täter. Schalten Sie testweise einen anderen Schalter ohne Glimmlampe vor (oder ziehen Sie die Glimmlampe aus dem Schalter, falls sie steckbar ist) und prüfen Sie, ob das Glimmen verschwindet.
Test drei: Dimmer prüfen. Hängt die Lampe an einem Dimmer? Wenn ja, ist Verdächtiger Drei plausibel. Manche Dimmer haben einen "LED-Modus" oder Trimmpotis, mit denen man die Mindestlast einstellen kann. Falls nicht, hilft nur der Tausch gegen einen LED-tauglichen Phasenabschnittdimmer.
Test vier: Wechselschaltung. Ist die Lampe in einer Wechsel- oder Kreuzschaltung verbaut? Hausflure, Treppenhäuser, lange Korridore haben das fast immer. Wenn ja und Test zwei und drei nicht trafen, dann ist Verdächtiger Zwei oder Vier wahrscheinlich.
Bei Frau Eberle fiel die Diagnose so aus: Der Schalter im Hausflur hatte keine Glimmlampe, es gab keinen Dimmer, aber es war eine Wechselschaltung mit Schaltern auf beiden Stockwerken. Die LED glimmte vor allem dann, wenn im Wohnzimmer eine andere Lampe brannte — was den klassischen Fall der kapazitiven Einkopplung war.
Die Behebungen pro Fall
Glimmlampe im Schalter (Fall Eins): Die saubere Variante ist, den Schalter gegen einen ohne Orientierungslicht zu tauschen — ein normaler Wippschalter ohne Glimmlampe kostet drei bis fünf Euro. Wenn der Schalter aus optischen Gründen erhalten bleiben soll (Designserien wie Berker B7 oder Gira E3 haben oft eine integrierte LED), kann man ein RC-Glied oder ein "Kompensationsmodul" parallel zur Lampe schalten. Das ist ein kleines elektronisches Bauteil mit zwei Drähten, das in die Verteilerdose eingebaut wird; Hersteller wie Jung, Gira, Eltako liefern es für 15 bis 30 Euro pro Stück.[^5] Das Modul "absorbiert" die wenigen Milliampere, die durch die Glimmlampe fliessen, und verhindert so das Glimmen der LED.
Kapazitive Einkopplung (Fall Zwei): Hier hilft fast immer nur ein RC-Glied. Es wird parallel zur LED in die Decken- oder Verteilerdose eingebaut. Die Werte liegen typischerweise bei 100 nF Kapazität und 220 Ohm Widerstand, wobei die Hersteller Komplettmodule mit den richtigen Werten anbieten. Achtung: Ein RC-Glied erzeugt im Betrieb Wärme — nicht in einer engen, ungelüfteten Dose verbauen, in der schon ein LED-Treiber sitzt.
Phasenanschnittdimmer (Fall Drei): Der Dimmer muss raus. Phasenanschnittdimmer sind für Glühlampen gemacht, nicht für LEDs. Ersatz ist ein universaler Phasenabschnittdimmer mit LED-Eignung — Marken wie Busch-Jaeger, Gira, Berker, Eltako bieten diese ab ungefähr 30 Euro. Wichtig: Auf die Mindest- und Maximallast achten. Manche Dimmer brauchen eine Mindestlast von 5 oder 10 Watt, was bei einer einzelnen 4-Watt-LED schon problematisch werden kann.
Induzierte Spannung im Leerrohr (Fall Vier): Auch hier hilft das RC-Glied. In Härtefällen — sehr lange parallele Leitungen, Altbau-Installationen mit vielen Strängen in einem Schacht — kann es sein, dass das RC-Glied alleine nicht reicht. Dann ist eine elektrische Trennung der Leitungen oder ein zweites Modul notwendig.
Wenn das Glimmen nicht aufhört
Wenn nach Test und Behebung das Glimmen weitergeht, lohnt es sich, die LED selbst zu tauschen. Manche LED-Lampen haben Treiber-Schaltungen, die schon auf sehr geringe Streuströme reagieren — andere LEDs derselben Wattklasse glimmen am gleichen Schalter überhaupt nicht. Wer eine glimmende Osram-LED hat, kann mit einer Philips oder einer Ledvance Erfolg haben. Eine schnelle Faustregel: Filament-LEDs mit klassischer Glaskolben-Optik sind robuster gegen Streuströme als Reflektor-LEDs mit Aluminium-Kühlkörper, weil ihre Treiber einfacher gebaut sind.
Wer das Glimmen nicht selbst behebt: Ein Elektriker findet die Ursache in einer halben Stunde, der Aufwand für RC-Glied, Schaltertausch oder Dimmer-Wechsel kostet im Schnitt 80 bis 150 Euro Materialien plus Arbeitszeit. Das ist nicht das Ende der Welt — aber es ist auch keine Reparatur, die man verlängert leben lassen sollte. LEDs, die in dauernder Restspannung glimmen, altern schneller; und es gibt seltene Fälle, in denen die Restspannung gross genug ist, um nicht nur sichtbar zu glimmen, sondern auch zu hören (ein leichtes Brummen aus dem Treiber). Beides ist nicht gefährlich, aber unnötig.
Was Frau Eberle am Ende gemacht hat
Frau Eberle hat ein RC-Glied in die Verteilerdose ihrer Treppenhauslampe einbauen lassen — durch einen Elektriker, der das in zwanzig Minuten erledigt hatte und auf 70 Euro Rechnung kam. Die Lampe glimmt nicht mehr. Was sie behalten hat, ist eine kleine Erkenntnis: Dass die LED, die sie damals als kaputt verdächtigt und schon im Internet nach Rückgabeoptionen durchsucht hatte, gar nicht das Problem war. Sie ist ein präzises kleines Messgerät gewesen, das ihr eine kapazitive Kopplung zwischen zwei Leitungen in einer normgerechten Wechselschaltung zuverlässig angezeigt hat. Was sie gebraucht hatte, war keine neue Lampe, sondern ein 22-Euro-Bauteil, das die paar Milliampere abfangen konnte, die sie nie gesehen hätte, wenn in den Wänden ihrer Wohnung noch eine 60-Watt-Glühbirne ohne den geringsten Sinn für Mikroströme gehängt hätte.
Verwandte Artikel: Wenn die LED nicht glimmt, sondern flackert, ist das ein anderes Problem — siehe LED flackert: Ursachen und Fixes. Wer einen LED-tauglichen Dimmer braucht, findet die Auswahl im Dimmer-für-LED-Ratgeber. Die Grundlagen dahinter — was eine LED elektrisch eigentlich ist und warum sie so empfindlich auf Streuströme reagiert — stehen im LED-Grundlagen-Pillar und im Artikel über die Lampensockel E27, E14, GU10.
[^1]: Erste systematische Beschreibung des Phänomens in deutschen Verbraucher-Foren ab ungefähr 2014/2015, parallel zum flächendeckenden Austausch von Glühlampen gegen LED-Retrofits nach dem schrittweisen EU-Glühlampenverbot 2009–2012. Voltus GmbH, Warum glimmt eine LED trotz ausgeschaltetem Schalter oder Dimmer?, Service-Artikel, https://service.voltus.de/, Stand 2025.
[^2]: DIN VDE 0632-1:2018-09 zu Lichtschaltern mit Orientierungsleuchte: Die Glimmlampe ist parallel zur Last geschaltet und führt im "Aus"-Zustand einen Strom von typisch 0,3 bis 2,0 mA. Bei einer Glühlampe wird dieser Strom in vernachlässigbarer Wärme im Wendeldraht umgesetzt; bei einer LED reicht er aus, um den Treiber-Eingangskondensator zu laden und die Diodenstrecke zu durchlaufen.
[^3]: Detaillierte technische Erklärung bei Ledclusive, Warum glimmen LEDs manchmal auch im ausgeschalteten Zustand?, https://www.ledclusive.de/blog/warum-glimmen-leds-manchmal-auch-im-ausgeschalten-zustand/, mit Mess-Schaubildern.
[^4]: Hausjournal, LEDs leuchten trotz ausgeschaltetem Schalter, https://www.hausjournal.net/leds-leuchten-obwohl-schalter-aus, Abschnitt zu Phasenanschnitt-Dimmern und ihrer Inkompatibilität mit niedrigen LED-Lasten.
[^5]: Jung Kompensationsmodul ZUS, Gira Lampenkompensationsmodul mit Artikelnummer 1064 00, Eltako LUL12-230V Löschglied. Alle drei sind funktional identisch (RC-Glied 100 nF / 220 Ω) und kosten zwischen 15 und 30 Euro pro Stück im Elektrohandel.


