An einem Dienstag Anfang Dezember rief mich meine Schwester an, ungewoehnlich frueh, kurz nach halb neun. Sie klang verwaschen, fast genuschelt, und sagte den Satz, den ich von ihr seit Jahren ungefaehr alle drei Wochen im Winter hoere: "Ich werde einfach nicht wach, ich kann nicht denken, ich kann nichts entscheiden". Sie wohnt in Hamburg, der Tag startet im Dezember dort frueh nach acht und das letzte Tageslicht ist um halb vier wieder weg. Sie hatte sich am Wochenende eine Lampe bestellt, war aber unsicher, ob es die richtige war. Eine Philips, eine, die langsam heller wird. Ihre Therapeutin hatte ihr aber gesagt, sie solle ueber eine 10.000-Lux-Therapielampe nachdenken. Was denn nun?

Diese Verwechslung ist alltaeglich, und sie kostet Menschen mit einer echten saisonalen Depression wertvolle Wochen. Ein Wake-up-Light und eine Lichttherapielampe sehen sich oberflaechlich aehnlich, machen aber zwei sehr verschiedene Dinge. Das eine ist ein Wecker, der dich frueh angenehmer aus dem Schlaf holt. Das andere ist ein Medizingeraet, das eine klinisch wirksame Lichtdosis ans Auge bringt. Wer beides verwechselt, denkt am Ende, Lichttherapie helfe ihm nicht, dabei hat er nur nie die richtige Dosis bekommen.

In diesem Artikel raeume ich auf, was 2026 in den beiden Kategorien zaehlt, welche Geraete eine echte Therapie ersetzen koennen und welche eher die Morgen-Routine retten. Mit Studienlage, technischen Daten und der Frage, wer welches Geraet wirklich braucht.

Saisonale Depression: ein kurzer Blick auf die Diagnose

Bevor wir Lampen kaufen, ein Schritt zurueck. Die saisonal affektive Stoerung, im englischen Original Seasonal Affective Disorder oder kurz SAD, beschreibt eine wiederkehrende depressive Episode, die regelmaessig im Herbst beginnt und im Fruehjahr von selbst wieder abklingt. Die Symptome sind typisch fuer eine Depression (gedrueckte Stimmung, Antriebslosigkeit, Konzentrationsstoerungen), zeigen aber zwei Besonderheiten, die SAD von anderen Formen unterscheiden: gesteigerter Schlafbedarf (statt Schlafstoerungen) und Heisshunger auf Kohlenhydrate mit Gewichtszunahme.

Verlaessliche Praevalenzzahlen fuer Deutschland gibt es nicht direkt. Schaetzungen, die sich auf oesterreichische und schweizerische Erhebungen stuetzen, gehen von etwa 2,5 Prozent der Bevoelkerung pro Jahr aus, wobei Frauen deutlich haeufiger betroffen sind als Maenner. Weiter im Norden steigt die Zahl: Skandinavien-Studien finden bis zu zehn Prozent. Eine deutsche Langzeitbeobachtung, zitiert bei HelloBetter, zeigt, dass ueber 80 Prozent der Patienten mit SAD-Diagnose im Folgewinter erneut eine Episode entwickeln.

Wichtiger als die Praevalenz ist die Abgrenzung. Wer im November traege wird, mehr Schokolade isst und schwerer aus dem Bett kommt, hat damit noch keine SAD. Das ist subsyndromale Winterlust, ein Phaenomen, das viele Mitteleuropaeer kennen. Eine klinische SAD beginnt erst dort, wo die Symptome den Alltag deutlich beeintraechtigen, ueber zwei Jahre in Folge zur gleichen Jahreszeit auftreten und nicht durch andere Stressoren erklaerbar sind. Die Therapeutin meiner Schwester hatte das diagnostiziert, deshalb war ihr Rat eindeutig.

Der Mechanismus: warum Licht hilft, und welches Licht wieviel hilft

Auf der Netzhaut gibt es eine spezielle Sorte von Photorezeptoren, die nicht zum Sehen gehoeren. Sie heissen ipRGCs (intrinsically photosensitive retinal ganglion cells) und sind besonders empfindlich fuer blaues Licht im Bereich um 480 Nanometer. Wenn sie genuegend Licht empfangen, senden sie ein Signal ueber den retinohypothalamischen Trakt direkt an den suprachiasmatischen Nukleus im Hypothalamus, die Hauptuhr des Koerpers. Diese Hauptuhr regelt zwei Hormonkaskaden: Melatonin (das Schlafhormon) wird heruntergefahren, Cortisol (das Aktivitaetshormon) wird hochgefahren. Bei SAD-Patienten ist genau dieser Mechanismus im Winter unterdimensioniert, weil natuerliches Tageslicht ausserhalb des Hauses oft fehlt und der Innenraum mit seinen 200 bis 500 Lux schlicht zu dunkel ist.

Hier kommt die zentrale Zahl ins Spiel: 10.000 Lux. Seit den 1990er Jahren ist das die Standarddosis fuer SAD-Lichttherapie, und sie hat sich in mehreren grossen Studien bewaehrt. Die kanadische CAN-SAD-Studie von Lam und Kollegen verglich 2006 eine achtwoechige Behandlung mit 10.000-Lux-Licht gegen Fluoxetin (ein SSRI-Antidepressivum) plus Placebolicht und fand vergleichbare Wirksamkeit in beiden Armen, mit deutlicher Verbesserung der Lebensqualitaet ab Woche acht. Eine Meta-Analyse von Anderson und Kollegen 2009 quantifiziert den Effekt: 10.000 Lux ueber 30 Minuten morgens verbessert die Depressions-Skala (SIGH-SAD) im Schnitt um 16 Punkte gegenueber 5 Punkten unter Placebo.

Spaeter wurde untersucht, ob blau-angereichertes Licht in niedrigerer Dosis ausreicht. Anderson und Kollegen zeigten in einer randomisierten Studie 2009, dass blau-angereichertes weisses Licht bei 750 Lux gleichwertig wirkt wie weisses Licht bei 10.000 Lux, also potenziell schwaecher dosiert werden koennte. Eine spaetere Re-Analyse (PMC, 2017) bestaetigte aber, dass die Wellenlaenge unter realen Klinikbedingungen keinen Vorteil bringt: kurze Wellenlaenge oder Breitband-Weiss wirken praktisch gleich, solange genug Lux am Auge ankommen.

Wake-up-Lights spielen in einer anderen Liga. Sie liefern am Auge typischerweise 200 bis 400 Lux, also etwa ein Fuenfundzwanzigstel der Therapiedosis. Sie reichen also nicht zur Behandlung einer klinischen SAD. Was sie aber leisten, ist die Cortisol-Kaskade morgens schon vor dem Wecker zu starten. Eine Studie der Universitaet Basel 2018 zeigte, dass simulierter Sonnenaufgang ueber 30 Minuten die subjektive Wachheit und kognitive Leistung am Morgen signifikant verbessert, mit etwa 40 Prozent schnelleren Reaktionszeiten und besserer Stimmung, ohne dass die Schlafdauer veraendert wurde. Das ist ein angenehmer Effekt, aber keine Therapie.

Wer den Mechanismus tiefer verstehen will, dem empfehle ich unseren Beitrag zu Licht und der inneren Uhr. Wer die Welt der Wake-up-Lights im Detail vergleichen will, findet das im Lichtwecker-Test 2026. Dieser Artikel hier beleuchtet die Schnittstelle zwischen beiden Welten.

Der Schluesselunterschied: drei Achsen

Die beiden Geraeteklassen unterscheiden sich auf drei messbaren Achsen. Wer das einmal verinnerlicht hat, kauft nicht mehr das Falsche.

Lichtintensitaet am Auge. Eine medizinische SAD-Therapielampe liefert 10.000 Lux in 20 bis 30 Zentimetern Augenabstand. Beurer gibt fuer die TL95 an, dass die 10.000-Lux-Marke bei 30 Zentimetern erreicht wird und in 50 Zentimetern noch 4.000 Lux ankommen. Wake-up-Lights bleiben dagegen unter 500 Lux am Auge. Selbst Premium-Modelle wie das Lumie Bodyclock Luxe 750 erreichen nach Herstellerangabe nur 400 Lux bei 30 Zentimetern Abstand. Das ist ein Faktor 25 zwischen den Klassen.

Lichtflaeche und Spektrum. Therapielampen haben grosse, gleichmaessig leuchtende Flaechen (oft 20 mal 28 Zentimeter und mehr) mit moeglichst vollem sichtbarem Spektrum. Beurer wirbt mit "SunLike"-LED-Dioden, die laut Hersteller besonders nah am Tageslichtspektrum liegen. Wake-up-Lights sind kleiner und auf eine warme, hautfreundliche Lichtcharakteristik abgestimmt, weil sie morgens nicht aggressiv wirken sollen. Der Sonnenaufgang faengt mit Rot- und Orangetoenen an, geht ueber Gelb in ein warmes Tageslicht ueber.

Nutzungsmodus. Therapielampen sitzen 30 bis 60 Minuten morgens vor dem ruhig auf einem Stuhl sitzenden Anwender, der nebenbei liest, fruehstueckt oder am Laptop arbeitet. Der Blick geht nicht direkt in die Lampe (das wuerde blenden), sondern an ihr vorbei, sodass das Licht ueber den peripheren Sichtbereich aufs Auge faellt. Wake-up-Lights stehen am Bett, der Anwender schlaeft und merkt nicht aktiv etwas vom Licht. Die Wirkung ist passiv-physiologisch, nicht aktiv-therapeutisch.

Die Geraete im Detail 2026

GeraetKlasseMax. Lux am AugeLichtflaechePreis (UVP)
Beurer TL 95Therapielampe10.000 bei 30 cm33 x 21 cmca. 200 Euro
Lumie Vitamin LTherapielampe (Med. Klasse IIa)10.000 bei 20 cm28 x 20 cmca. 110 bis 130 Euro
Davita BrightLight 1000Therapielampe10.000 bei 25 cm22 x 22 cmca. 90 bis 130 Euro
Philips HF3500 SmartSleepWake-up-Light200 bei 30 cmrund, ca. 20 cm Durchmesserca. 70 Euro
Philips HF3531 SmartSleepWake-up-Light200 bei 30 cmrund, ca. 20 cmca. 110 bis 150 Euro
Lumie Bodyclock Luxe 750Wake-up-Light400 bei 30 cmrund, ca. 20 cmca. 250 Euro

Beurer TL 95: die ausgereifte Therapielampe

Die TL 95 ist das Topmodell von Beurer und seit Jahren stabil in deutschen Lichttherapie-Tests vorne. Bei vergleich.org und love-mornings landet sie regelmaessig auf Platz eins, mit einer Gesamtnote 1,8. Sie liefert bei 30 Zentimetern Augenabstand die geforderten 10.000 Lux, ist stufenlos dimmbar und hat eine kapazitive Bedienfeld-Steuerung mit Timer. Das Geraet ist gross genug (33 mal 21 Zentimeter Leuchtflaeche), dass das Auge auch bei seitlicher Position genug Licht abbekommt. Die "SunLike"-LED-Dioden geben ein angenehm warmweisses Licht, das im Test von Optimize Your Biology als das natuerlichste in der Beurer-Range bewertet wird.

Der einzige echte Nachteil: die Lampe ist sperrig. Mit drei Kilo und einem festen Standfuss eignet sie sich nicht fuer den taeglichen Transport zwischen Schreibtisch und Kueche.

Lumie Vitamin L: das medizinisch zertifizierte Schlankheitsmodell

Lumie ist eine britische Spezialfirma, die nur Lichttherapie und Wake-up-Lights herstellt. Die Vitamin L liegt im UK als Medizinprodukt der Klasse IIa zertifiziert, das ist in Europa die hoeher regulierte Stufe, die fuer aktive Geraete mit therapeutischer Wirkung gilt. Sie erreicht 10.000 Lux bei 20 Zentimetern Augenabstand und ist mit knapp einem Kilo deutlich leichter als die Beurer-Konkurrenz. Der "Ripple Diffuser" streut das Licht weich, sodass der Anwender weniger geblendet wird. Lumie selbst empfiehlt 30 Minuten taegliche Nutzung morgens fuer SAD-Symptome.

Im Praxistest von T3 wird die Vitamin L als ideales Reisemodell hervorgehoben: kleine Stellflaeche, abnehmbarer Standfuss, Quer- und Hochformatbetrieb moeglich. Wer in einem kleinen Studio arbeitet oder die Lampe ins Buero mitnehmen muss, findet hier die beste Loesung.

Davita BrightLight 1000: der Preis-Leistungs-Champion

Davita ist eine deutsche Marke, die Tageslichtlampen seit den 90er Jahren produziert. Die BrightLight 1000 liegt preislich oft deutlich unter den Hauptkonkurrenten, bei vergleichbaren technischen Daten. Sie liefert 10.000 Lux bei 25 Zentimetern Augenabstand, hat eine quadratische Leuchtflaeche und ist als Medizinprodukt CE-zertifiziert. Tests bei lichttherapiegeraet.com bestaetigen, dass die BrightLight 1000 die Standard-Lux-Werte erreicht, das Gehaeuse aber im Vergleich zu Beurer und Lumie weniger hochwertig wirkt. Wer den klinischen Effekt zum schmalen Preis sucht, ist hier gut bedient.

Philips SmartSleep HF3500 und HF3531: die Wake-up-Light-Bench

Die HF3500 ist das Einstiegsmodell der Philips-SmartSleep-Reihe und kommt mit zehn einstellbaren Helligkeitsstufen bis maximal 200 Lux. Der Sonnenaufgang startet 30 Minuten vor dem eingestellten Weckzeitpunkt. LED-Technik, 7,5 Watt Verbrauch, kein FM-Radio, kein USB. Das Geraet wirbt nicht mit SAD-Therapie, sondern mit "natuerlichem Aufwachen". Wer das zum Therapie-Ersatz erkoren hat, wurde von der Werbung gut bedient und vom Geraet schlecht. Fuer den eigentlichen Anwendungszweck, naemlich das morgendliche Aufwachen, leistet die HF3500 im Test von Sunny Clocks und Optimize Your Biology durchweg gute Werte: geringes Flicker, sauberer Lichtanstieg, robuste Hardware.

Die HF3531 ist die Mittelklassevariante, mit dem gleichen Lichtsystem, aber zusaetzlich Sound, FM-Radio und Touch-Bedienung.

Lumie Bodyclock Luxe 750: das Wake-up-Light, das am dichtesten an die Therapie kommt

Mit 400 Lux am Auge ist die Luxe 750 das hellste serienmaessige Wake-up-Light am Markt. Damit ist sie immer noch keine Therapielampe (Faktor 25 weniger als die 10.000-Lux-Norm), kommt aber doppelt so hell daher wie die Philips-Konkurrenz. Lumie bewirbt das Geraet als "Sub-SAD-Lampe", also fuer Anwender mit leichten Wintersymptomen, die noch keine klinische Diagnose haben. Das ist ein Marketing-Argument, das in einer Grauzone schwimmt, in der die Lampe weder voll als Therapie noch nur als Wecker durchgeht.

Wer braucht was

Die Antwort haengt vom Symptombild ab. Drei klare Faelle.

Klinische SAD-Diagnose von Therapeut, Hausarzt oder Psychiater. Hier fuehrt kein Weg an einer 10.000-Lux-Therapielampe vorbei. Beurer TL 95 oder Lumie Vitamin L sind die beiden klaren Empfehlungen, je nach Geldbeutel und Platzbedarf. Die Davita BrightLight 1000 funktioniert technisch auch, hat aber im Gehaeuse Abstriche. Nutzungsdauer: 30 bis 60 Minuten taeglich morgens, in den Wochen mit dunklen Tagen (etwa Oktober bis Maerz in Deutschland), ueber den ganzen Zeitraum, nicht nur in akuten Phasen.

Schwere Wintermuedigkeit ohne Diagnose, aber mit deutlicher Beeintraechtigung. Hier ist der Sprung in eine Therapielampe haeufig schon sinnvoll. Wer morgens beim Fruehstueck oder vor dem Laptop sitzt, kann mit 20 bis 30 Minuten 10.000-Lux-Licht eine spuerbare Verbesserung erreichen, ohne dass das Geraet als Medikament fungieren muss. Wer skeptisch ist, kann erst mit einer Lumie Vitamin L bei 110 Euro starten, das ist die guenstigste seriose Option mit medizinischer Zertifizierung.

Reine Schlaftraegheit am Morgen, ohne depressive Komponente. Hier reicht ein Wake-up-Light. Philips HF3500 fuer den schmalen Geldbeutel, HF3531 fuer mehr Komfort, Lumie Bodyclock Luxe 750 fuer Anwender, die eventuell auch eine leichte Sub-SAD-Komponente in sich vermuten. Wer mehr Hintergrund will, findet bei uns einen Test der besten Wake-up-Lights 2026.

Schichtarbeit und Jetlag. Beide profitieren mehr von einer Therapielampe als von einem Wake-up-Light. Schichtarbeiter, die nachts arbeiten und am Vormittag schlafen, koennen mit 10.000-Lux-Licht den circadianen Rhythmus aktiv verschieben. Bei Jetlag wird das gleiche Prinzip angewandt: 30 Minuten Therapielicht zur "Ziel-Morgenzeit" beschleunigt die Anpassung deutlich. Hier sind die kompakten Lumie-Geraete im Vorteil, weil sie auf Reisen mitkoennen.

Anwendungspraxis: wann, wie lange, wie weit weg

Die wirkungsvollste Tageszeit fuer SAD-Lichttherapie ist morgens innerhalb der ersten Stunde nach dem Aufstehen. Wer um sieben aufsteht und um halb acht vor der Lampe sitzt, hat den groessten Effekt. Eine zweite Sitzung am Nachmittag, etwa bei Mittagspause, kann ergaenzend wirken, ist aber nicht zwingend. Abends nach 19 Uhr sollte keine Therapielampe mehr genutzt werden, weil sie sonst den Schlafanfang verzoegert.

Die Dauer beginnt bei 30 Minuten und kann auf bis zu zwei Stunden ausgedehnt werden. Wer die Therapie startet, fuehlt nach drei bis vier Tagen eine erste Wirkung, voller Effekt nach etwa zwei Wochen taeglichem Gebrauch. Wenn nach zehn Tagen keine Besserung eintritt, lohnt der Wechsel auf eine andere Geraeteklasse oder ein Gespraech mit der behandelnden Therapeutin.

Der Augenabstand ist entscheidend. Eine Therapielampe wirkt nur dann mit 10.000 Lux, wenn der Anwender im vom Hersteller angegebenen Abstand sitzt, in der Regel 20 bis 30 Zentimeter. Wer einen Meter Abstand haelt, bekommt vielleicht noch 1.500 Lux am Auge, was die Therapiedosis unterlaeuft. Hilfreich ist eine kleine Lux-App fuer das Smartphone (etwa "Lux Light Meter" oder "Lichtmesser"), mit der man kontrollieren kann, was wirklich an der Augenposition ankommt. Die App ist nicht laborgenau, aber gut genug fuer eine Schaetzung der Groessenordnung.

Nebenwirkungen und Kontraindikationen

Lichttherapie ist insgesamt gut vertraeglich. Schwere Nebenwirkungen sind nicht bekannt. Die typischen leichten Nebenwirkungen, die in den ersten Tagen auftreten koennen und meist von selbst wieder verschwinden, listet die Klinik Friedenweiler und das DocMedicus-Lexikon zusammen: leichte Kopfschmerzen, brennende oder trockene Augen, leichte Uebelkeit, innere Unruhe, manchmal auch Schlafstoerungen am Abend (oft, wenn die Therapie zu spaet am Tag stattfindet).

Echte Kontraindikationen, bei denen Lichttherapie nur unter aerztlicher Aufsicht laufen sollte, sind:

  • Glaukom (Gruener Star), Retinopathien, Makulopathien, Sehnervenerkrankungen, fortgeschrittene Katarakte. Hier kann das helle Licht die Augenstrukturen zusaetzlich belasten. Eine augenaerztliche Freigabe ist sinnvoll.
  • Bipolare Stoerungen. Lichttherapie kann in seltenen Faellen hypomane oder manische Episoden ausloesen, besonders bei sehr fruehen Morgensitzungen. Patienten mit Bipolar-I oder Bipolar-II sollten die Therapie nur unter psychiatrischer Begleitung beginnen, meist mittags statt morgens.
  • Lichtempfindliche Haut durch Hauterkrankungen (Lupus, polymorphe Lichtdermatose) oder durch lichtsensibilisierende Medikamente (Tetrazykline, einige Diuretika, Johanniskraut). Hier kann es zu Hautreaktionen kommen, obwohl moderne Lichttherapiegeraete UV-frei sind.
  • Bestimmte Antikoagulantien und Medikamente, die in Kombination mit Licht Photosensibilisierung ausloesen koennen.
Hier ist wichtig zu unterscheiden: moderne LED-Therapielampen wie Beurer TL 95 und Lumie Vitamin L sind UV-frei. Hautreaktionen sind deshalb selten, kommen aber bei lichtempfindlichen Personen vor. Wer Zweifel hat, sollte einen Hausarzt oder Dermatologen vor Therapiebeginn fragen.

Philips Hue als DIY-Therapielicht: geht das?

Eine Frage, die in den letzten Jahren immer haeufiger gestellt wird: Kann ich mit einem Smart-Home-System wie Philips Hue oder Lifx eine Lichttherapie selbst zusammenbauen? Drei Hue-Lampen, eine Wake-up-Routine, morgens auf hellem Tageslicht-Weiss?

Die kurze Antwort lautet: fuer die Wake-up-Funktion ja, fuer die SAD-Therapie nein. Eine Hue-Lampe wie die White-and-Color-Ambiance erreicht je nach Typ rund 800 bis 1.600 Lumen Lichtstrom, was in normaler Raumhoehe und bei der ueblichen Anordnung an der Decke vielleicht 50 bis 200 Lux am Auge ergibt. Drei Lampen in einer Deckenkonfiguration kommen vielleicht auf 300 bis 500 Lux, was im Bereich eines Wake-up-Lights liegt und damit gut genug fuer den morgendlichen Anstieg ist. Fuer die 10.000-Lux-Therapie reicht das nicht.

Es gibt Bastler, die mehrere Hue-Lampen mit einer engen Reflektorhaube versehen, vor sich auf den Tisch stellen und so eine erhoehte Lux-Dichte erreichen. Im Heimexperiment habe ich mit zwei Hue-Lampen mit Spotreflektor in 30 Zentimetern Augenabstand 1.800 Lux gemessen. Das ist deutlich besser als ein Wake-up-Light, aber immer noch um Faktor fuenf unter Therapiedosis. Wer also eine Therapie braucht, kommt am dedizierten Geraet nicht vorbei.

Wer nur den Wake-up-Effekt sucht, kann Hue gut nutzen. Eine Routine, die ueber 30 Minuten von 1 Prozent auf 100 Prozent dimmt und dabei die Farbtemperatur von 2.000 Kelvin auf 6.500 Kelvin verschiebt, simuliert den Sonnenaufgang ziemlich genau. Dazu eine Hue Tap-Dial-Bridge fuer den manuellen Snooze, und du hast fuer rund 150 Euro Hardwarekosten ein vergleichbares Wake-up-System wie das Philips HF3531.

Was ich nach drei Wintern damit gelernt habe

Ich nutze selber seit drei Wintern eine Beurer TL 90 (Vorgaengermodell der TL 95) jeden Morgen 30 Minuten beim Fruehstueck. Eine SAD-Diagnose habe ich nicht, aber eine deutliche Wintertraegheit, die in den Hamburger Dezembermonaten bis 11 Uhr nicht weichen wollte. Mit der Lampe verschiebt sich mein klares Hoch auf 9 Uhr, das ist mein subjektiver Eindruck und reicht mir.

Meine Schwester hat nach dem Anruf damals die Philips zurueckgeschickt und eine Lumie Vitamin L gekauft. Sie nutzt sie seit zwei Wintern jeden Morgen 40 Minuten, die Vitamin L steht neben dem Laptop. Im ersten Winter mit Lampe hatte sie noch eine kurze depressive Phase im Januar, im zweiten Winter keine. Das ist keine kontrollierte Studie und kann genauso gut Zufall sein, aber ihre Therapeutin sieht den Verlauf positiv.

Wer mit einer dunklen Phase im Anflug auf den Winter blickt und sich fragt, was er kaufen soll, sollte zwei Sachen tun. Erst herausfinden, ob es eine subsyndromale Wintermuedigkeit oder eine echte SAD ist. Bei Zweifeln zur Hausarztpraxis, dort gibt es einen Kurzfragebogen (Seasonal Pattern Assessment Questionnaire, SPAQ), der eine erste Einordnung bringt. Danach gezielt das richtige Geraet kaufen, statt das Falsche zu verwechseln. Die 90 Euro fuer einen Lichtwecker, der bei klinischer SAD nicht hilft, sind weggeworfenes Geld. Die 200 Euro fuer eine Therapielampe, die bei reiner Schlaftraegheit oversized ist, ebenso.

Das eine ist ein Wecker, das andere ein Medizingeraet. Wer den Unterschied kennt, kauft beim ersten Versuch das Richtige.

Quellen

  • Lam RW et al., The Can-SAD Study, American Journal of Psychiatry 2006: psychiatryonline.org
  • Anderson JL et al., Lux vs. wavelength in light treatment of SAD, 2009: pmc.ncbi.nlm.nih.gov
  • Are Short (Blue) Wavelengths Necessary for Light Treatment of SAD?, PMC 2017: pmc.ncbi.nlm.nih.gov
  • Universitaet Basel, Lichtwecker-Studie zu morgendlicher Wachheit, 2018
  • Optimize Your Biology, Beurer Light Therapy Review (TL 95): optimizeyourbiology.com
  • Optimize Your Biology, Philips SmartSleep Review (HF3500 vs HF3520 vs HF3650): optimizeyourbiology.com
  • Lumie Vitamin L Spezifikationen: lumie.com
  • T3 Review, Lumie Vitamin L: t3.com
  • Stiftung Warentest, Tageslichtlampen-Test (Galaxus-Zusammenfassung): galaxus.at
  • HelloBetter, Saisonale affektive Stoerung Forschungsstand: hellobetter.de
  • DocMedicus Gesundheitslexikon, Bright-Light-Therapie: gesundheits-lexikon.com
  • Klinik Friedenweiler, Lichttherapie zur Behandlung von Depression: klinik-friedenweiler.de
  • BfS Bundesamt fuer Strahlenschutz, Tageslichtlampen: bfs.de