Amaryllis und Licht: Was sie in welcher Phase wirklich braucht

Die Amaryllis, botanisch fast immer ein Ritterstern (Hippeastrum), ist eine merkwürdige Zimmerpflanze. Sie blüht im Dezember, wenn es draußen früh dunkel wird, und das Licht, das diese Blüte möglich macht, hat sie im Sommer getankt. Die englische Wikipedia schreibt, dass die Blüte etwa zwei Monate nach dem Einpflanzen kommt, die Blätter danach weiterwachsen und dass vier bis fünf Stunden direkte Sonne beim Sommeraufenthalt im Freien die Knospen für das nächste Jahr entwickeln. Die Zwiebel ist der Akku, die Blätter sind das Ladegerät.
Damit sieht die Frage nach dem Lichtbedarf anders aus. Es gibt vier Phasen mit vier ziemlich verschiedenen Antworten, und in einer davon ist Licht fast egal.
Kurz gesagt
Zum Antreiben und Blühen reicht ein heller Platz ohne pralle Sonne, die Blüte kommt aus der Zwiebel und nicht aus dem Fensterlicht. Richtig viel Licht braucht die Amaryllis nach der Blüte, solange die Blätter wachsen, denn dann lädt sie die Zwiebel für das nächste Jahr. In der Ruhephase darf es dunkel sein. Eine Pflanzenlampe lohnt sich vor allem im Frühjahr, wenn die Blätter wachsen und das Fenster zu wenig liefert.
Die vier Phasen im Überblick
SWR und Pflanzen-Kölle sprechen von drei Vegetationsphasen, Mein schöner Garten ebenfalls. Fürs Licht ist es sinnvoller, das Antreiben von der Blüte zu trennen. Die Tabelle ist meine Zusammenfassung der genannten Quellen:
| Phase | Zeitraum (Richtwert) | Licht | Temperatur laut Quellen |
|---|---|---|---|
| Antreiben | November bis Dezember | hell, sobald der Trieb sichtbar ist | 18 bis 20 °C (Kölle), 16 bis 18 °C (Mein schöner Garten) |
| Blüte | Dezember bis Februar | hell, keine direkte Sonne | 18 bis 22 °C, kühler hält länger (SWR, NDR) |
| Wachstum nach der Blüte | Februar bis August | so hell wie möglich, ab Mai draußen | warm, bis 26 °C (Mein schöner Garten) |
| Ruhephase | September bis Oktober/November | dunkel ist in Ordnung | 8 bis 15 °C (NDR), um 15 °C (Mein schöner Garten) |
Antreiben: Dunkel oder hell?
Hier widersprechen sich die Quellen. Der NDR (Rasch durch den Garten, 27. Oktober 2025) rät, den eingetopften Ritterstern bis zum Austrieb dunkel und kühl zu stellen und erst richtig zu gießen, wenn der Blütenstand etwa zehn Zentimeter aus der Zwiebel schaut. Mein schöner Garten stellt ihn dagegen rund zwei Wochen nach dem Eintopfen, wenn die Spitze des Schafts erscheint, auf die helle Fensterbank. Der SWR (11. Dezember 2025) schreibt knapp: Topf an einen hellen Platz, gegossen wird erst, wenn nach etwa drei Wochen die ersten Knospenspitzen zu sehen sind. Das Merkblatt der University of Florida (Cir. 1243, Sydney Park Brown und Robert J. Black) empfiehlt sogar, den Behälter nach dem Austrieb dorthin zu stellen, wo er mehrere Stunden direktes Sonnenlicht bekommt, bei 75 bis 80 °F, also etwa 24 bis 27 °C.
Meine Einschätzung: Solange nichts zu sehen ist, ist das Licht der Zwiebel egal, sie hat keine Blätter und lebt von ihren Reserven. Sobald der Trieb erscheint, gehört der Topf an ein helles Fenster, aber nicht in die pralle Sonne. Dass die Quellen so weit auseinanderliegen, spricht dafür, dass es in dieser Phase kaum aufs Licht ankommt. Wärme und Wasser sind die Hebel, dazu gleich mehr.
Blüte: Hell, aber ohne Mittagssonne
Beim Standort während der Blüte sind sich alle einig. Der NDR: heller Ort ohne direkte Sonneneinstrahlung, um 20 °C. Der SWR: ohne direkte Sonne, optimal 18 bis 22 °C, nicht unter 16 °C, und die Blüten halten etwa vier Wochen. Die University of Florida sagt es genauso: Wenn die Blüten offen sind, aus der prallen Sonne nehmen, das verlängert die Blütezeit. Und Pflanzen-Kölle ergänzt, dass man die Pflanze nachts kühler stellen kann, sobald die Blüte Farbe zeigt.
Das ist weniger eine Lichtfrage als eine Temperaturfrage. Vermutlich heizt direkte Sonne durch die Scheibe die Blüte auf und verkürzt ihre Lebenszeit. Wer die Amaryllis im Wohnzimmer mit 22 °C hinter dem Südfenster hat, bekommt eine schöne, aber kurze Show.
Wie hell ist hell? Lux-Werte am Winterfenster
Die belastbarste Zahl für Zimmerpflanzen stammt aus dem Merkblatt G 6515 der University of Missouri Extension (David Trinklein, "Lighting Indoor Plants"). Es teilt Pflanzen in drei Klassen: Schwachlicht 50 bis 250 Foot-Candles, Mittellicht 250 bis 1.000, Starklicht ab 1.000. Eine Foot-Candle sind gut 10 Lux, das Mittellicht liegt also bei etwa 2.700 bis 10.800 Lux (meine Umrechnung). Die Amaryllis führt das Merkblatt nicht auf. Ich ordne sie wegen der Aussagen von University of Florida und Piedmont Master Gardeners zum Sonnenbedarf im Wachstum im Mittel- bis Starklichtbereich ein, das ist eine Einschätzung.
Zum Fenster sagt Missouri: Ein Südfenster bietet das hellste und längste Licht, im Winter profitiert jede Pflanze davon. Ost- und Westfenster eignen sich für Mittellicht-Pflanzen, ein Nordfenster nur für Schwachlicht. Und selbst Schwachlicht-Pflanzen bekommen weiter als zehn Fuß, gut drei Meter, vom Fenster kaum noch genug.
Wie wenig Licht eine bedeckte Winterlage liefert, zeigt unsere Lux-Tabelle für Natur und Innenraum: Draußen kommen an einem bedeckten, regnerischen Tag 1.000 bis 3.000 Lux an. Hinter einer Scheibe und ein, zwei Meter im Raum ist es weniger. Daraus folgt für die Amaryllis, und das ist wieder meine Einschätzung: Direkt an Süd-, Ost- oder Westfenster ist sie im Winter gut aufgehoben, im Raum hinter dem Sofa nicht. Ein günstiges Luxmeter nimmt Ihnen das Raten ab, das Auge ist ein schlechter Richter, wie auch Missouri schreibt.
Nach der Blüte: Hier entscheidet sich das nächste Jahr
Die Piedmont Master Gardeners (Pat Chadwick, Virginia) raten, verblühte Blüten abzuschneiden, den Stiel aber stehen zu lassen, bis er gelb wird, und die Pflanze an einen hellen, sonnigen Platz zu stellen, wo sie mindestens sechs Stunden helles Licht pro Tag bekommt. Nach den Frösten gewöhnt man sie ans Freie, erst Schatten, dann Sonne, am Ende mindestens sechs Stunden täglich, nachts über 60 °F (rund 16 °C). Wikipedia nennt vier bis fünf Stunden direkte Sonne. Mein schöner Garten bevorzugt dagegen einen absonnigen bis halbschattigen warmen Platz auf Terrasse oder Balkon. Die University of Florida schreibt für den Garten, bei starker Beschattung blühe die Amaryllis schlecht, in voller Sonne könnten die Blätter vergilben.
Die Spanne ist groß, aber die Richtung klar: Nach der Blüte ist nicht Schluss. Pflanzen-Kölle schreibt, Stiel und Blätter sollten an der Zwiebel bleiben, bis sie vertrocknet sind, weil die Zwiebel daraus die Nährstoffe zieht. Der NDR sagt es ähnlich. Wer die Pflanze nach der Blüte in die dunkle Ecke stellt oder die grünen Blätter abschneidet, kappt die Stromversorgung.
Der Haken: Die Blätter wachsen von Februar bis Mai, also genau dann, wenn die Tage noch kurz sind. Mehr dazu, warum das Winterlicht fehlt, steht in Pflanzenbeleuchtung im Winter.
Warum der Stiel kippt: drei Ursachen, ein Gegenmittel
Der Blütenschaft ist hohl und kann nach Mein schöner Garten bis zu 80 Zentimeter lang werden, der SWR nennt bis zu 50 Zentimeter, und oben sitzen laut SWR drei bis vier Blüten, die nach Wikipedia (de) bis zu 20 Zentimeter Durchmesser erreichen. Das kann gar nicht anders als kippen. Die Quellen nennen drei Gründe:
- Einseitiges Licht. Mein schöner Garten: Der Schaft wächst zum Licht hin, ohne Drehen wird er sehr krumm, also alle paar Tage um 180 Grad drehen. Die Piedmont Master Gardeners empfehlen eine Vierteldrehung alle paar Tage. Der Schaft sucht das Fenster, wie jede Pflanze.
- Zu viel Wasser beim Austrieb. Pflanzen-Kölle schreibt, zu viel Wasser lasse den Stängel zu stark wachsen, die Stabilität leide. Auf die Frage nach einem zu langen, instabilen Stiel antwortet der Ratgeber ebenfalls mit zu viel Wasser beim Austrieb.
- Zu kleiner, leichter Topf. Der SWR weist darauf hin, dass die großen Zwiebeln oft in sehr kleinen Töpfen verkauft werden und der lange Stiel mit den großen Blüten leicht umkippt: standsicheren Übertopf nehmen.
Wärme und Licht gehören zusammen
Alle Quellen koppeln Licht und Temperatur, und das ist der Teil, den die Ratgeber selten ausformulieren. Pflanzen-Kölle: Für Wachstum und Blütenentwicklung sollte es nicht wärmer als 20 °C sein, unter 12 °C verzögere sich das Wachstum. Die University of Florida nennt zum Austreiben 75 bis 80 °F. Und bei der Blüte gilt laut NDR und SWR: je kühler, desto länger halten die Blüten, aber nicht unter 16 °C.
Meine Einschätzung dazu: Stellen Sie die Amaryllis so hell wie möglich, aber ohne Südsonne und ohne Heizkörper darunter. Wer sie warm und dunkel hält, bekommt schnelles, weiches Wachstum, wer sie hell und eher kühl hält, einen kompakten, stabilen Stiel und eine lange Blüte. Anders als beim Weihnachtsstern zählt hier nicht die Länge der Nacht: Kurztag oder Abendlampe spielen für die Amaryllis in keiner der genannten Quellen eine Rolle.
Pflanzenlampe: ja oder nein?
Für Antreiben und Blüte lautet meine Antwort nein. Die Blüte kommt aus der Zwiebel, ein heller Fensterplatz reicht. Eine Lampe hilft dort nur, wenn der Platz wirklich dunkel ist und die Pflanze sonst im Zimmerinneren stünde.
Anders im Wachstum nach der Blüte, wenn die Blätter die Zwiebel füllen und das Winterfenster zu wenig liefert. Missouri nennt für Pflanzen ohne Tageslicht 16 bis 18 Stunden Kunstlicht täglich, bei zusätzlichem Fensterlicht 12 bis 14 Stunden. Das Licht soll zeitgleich mit dem Fensterlicht laufen, zu Beginn oder Ende des Tages sei es weniger wirksam. Für Röhren nennt das Merkblatt einen Abstand von 6 bis 12 Zoll, also 15 bis 30 Zentimeter zu den Pflanzenspitzen, und zeigt, wie schnell das Licht abfällt: Bei der schwächsten Anordnung der Tabelle messen sie in 30 Zentimetern Abstand 260 Foot-Candles, in 60 Zentimetern nur noch 110, das sind rund 2.800 und 1.200 Lux. Für moderne LED-Lampen gilt das nicht eins zu eins, hier steht die PPFD-Tabelle des Herstellers, mehr dazu in Pflanzenlampe: Abstand zur Pflanze. Als Orientierung für Ihre Zahlen hilft die Lichtbedarf-Tabelle für Pflanzen, die Grundlagen stehen in Wie viel Licht brauchen Pflanzen indoor.
Mein Vorschlag, der nirgends so steht: ab Februar acht bis zehn Stunden Lampe als Ergänzung zum Fenster, bis es Mitte Mai nach draußen geht. In der Ruhephase bleibt die Lampe aus.
Ruhephase: Hier ist Dunkel erlaubt
NDR: Ab August nur noch mäßig, dann gar nicht mehr gießen, Anfang September die welken Blätter abschneiden, dann bis Ende Oktober dunkel und kühl lagern, mindestens fünf, besser acht Wochen, bei etwa 8 bis höchstens 15 Grad. Der SWR nennt acht Wochen trocken und dunkel, zum Beispiel im Keller. Wikipedia: zwei Monate kühl, dunkel, ohne Wasser und Dünger. Die Piedmont Master Gardeners erinnern daran, dass eine gut gepflegte Zwiebel mit grün bleibendem Laub nicht unbedingt eine Ruhephase braucht, wer die Blüte aber auf einen Termin legen will, nutzt sie. Nach acht bis zwölf Wochen treiben die Zwiebeln dort meist wieder aus, dann kommen sie ins helle Licht und werden gegossen.
Dass es dunkel sein darf, liegt daran, dass die Blätter dann abgestorben sind und nichts mehr zu tun haben. Wichtiger als das Licht sind trocken und kühl. Mein schöner Garten nennt einen Trick, wenn kein dunkler Raum da ist: Man kann den kühlen, hellen Fensterplatz belassen und die Töpfe mit undurchsichtigen Gefäßen abdecken.
Gewachste Amaryllis: Licht ohne Erde
Zwiebeln im Wachsmantel gibt es vor allem im Advent. Pflanzen-Kölle: heller, trockener Standort, etwa 20 °C, keine direkte Sonne, Blüte nach vier bis sechs Wochen. Das Wachs schützt laut Kölle vor Verdunstung, gegossen wird nicht. Die Standortansprüche seien dieselben wie bei der getopften Amaryllis.
Mit Licht lässt sich bei der gewachsten Zwiebel wenig ausgleichen. Sie hat keine Wurzeln im Substrat und lebt vollständig von ihren Reserven, das ist die Logik des Wachses. Entsprechend schrumpft die Zwiebel nach Kölle durch die Wachsschicht, und die Wurzelbildung ist erschwert. Heller Fensterplatz, keine Südsonne, keine Heizung darunter: Mehr lässt sich nicht steuern. Eine Lampe bringt hier nichts, das Lichtthema beginnt erst, wenn Sie die Zwiebel nach der Blüte vom Wachs lösen und einpflanzen. Ab da gilt wieder der Abschnitt "Nach der Blüte".
Eine Lichterkette in der Dekoration, wie Kölle sie als Kombination mit gewachster Amaryllis nennt, ist für die Pflanze unerheblich: Sie liefert kein Pflanzenlicht, und wenn sie als Dekoration neben der Zwiebel liegt, sollte sie sie nicht erwärmen.
Lichtkeimer?
Die Frage taucht in den Suchvorschlägen auf. Für die Zwiebel stellt sie sich nicht. Bei Samen schreibt die University of Florida, man solle sie mit etwas Substrat bedecken (Cover the seeds lightly), Wikipedia nennt sechs Jahre bis zur ersten Blüte. Meine Einschätzung: Wer die Amaryllis aus Samen zieht, braucht Geduld, nicht Licht.
Kurz zusammengefasst
Die Amaryllis braucht Licht dann, wenn sie Blätter hat, und davon am meisten nach der Blüte. Während der Blüte ist heller Schatten besser als Sonne, weil Wärme die Blüten verkürzt. In der Ruhephase darf sie im Keller stehen, solange es trocken und kühl ist. Ein kippender Stiel ist eher ein Wärme-, Wasser- und Topfproblem als ein reines Lichtproblem, gedreht werden sollte der Topf trotzdem. Eine Pflanzenlampe lohnt im Februar bis Mai, nicht im Advent.
Quellen: NDR, "Amaryllis pflegen und wieder zum Blühen bringen" (Rasch durch den Garten, 27. Oktober 2025, ndr.de), zu Blütestandort, Ruhephase, Temperaturen · SWR, "Amaryllis pflegen, überwintern und wieder zum Blühen bringen" (Volker Kugel, Heike Boomgaarden, Stand 11. Dezember 2025, swr.de), zu Blühphase, Drehen des Topfes, Übertopf · Mein schöner Garten, "Amaryllis: Pflege-Fahrplan fürs ganze Jahr" (mein-schoener-garten.de), zu Phasen, Schaftlänge, Drehen um 180 Grad, Abdecken der Töpfe · Pflanzen-Kölle, "Amaryllis Pflege" (pflanzen-koelle.de), zu gewachster Amaryllis, Temperaturen, Wasser und Stiel · Piedmont Master Gardeners, "Amaryllis" (Pat Chadwick, piedmontmastergardeners.org), zu sechs Stunden Licht, Ruhephase, neueren Sorten · University of Florida IFAS, "Amaryllis" (Cir. 1243/EP060, Sydney Park Brown und Robert J. Black, 2007, ask.ifas.ufl.edu), zu Licht und Austreiben, Samen · University of Missouri Extension, "Lighting Indoor Plants" (David Trinklein, G 6515), zu Foot-Candle-Klassen, Fensterrichtungen, Kunstlichtdauer, Röhrenabstand · Wikipedia (en), "Hippeastrum", zu Blüte zwei Monate nach Pflanzung, Sommer draußen, Ruhephase, Samen · Wikipedia (de), "Rittersterne", zu Trockenzeit-Herkunft und Blütendurchmesser. Umrechnung Foot-Candles in Lux, Einordnung der Amaryllis in die Lichtklassen, die Phasentabelle und die Empfehlung zur Pflanzenlampe: eigene Einschätzung.


