LED-Straßenbeleuchtung: Der blinde Fleck der Energiewende

An einem Abend im Herbst 2025 saß Anja Schüle an ihrem Küchentisch am Rötebuckweg in Freiburg-Nord und konnte nicht schlafen. Nicht wegen Lärm. Wegen Licht. Die Straßenlampe vor ihrem Schlafzimmerfenster hatte die Stadt ein paar Wochen zuvor getauscht, von einer alten Natriumdampflampe gegen eine neue LED-Leuchte. Eigentlich eine gute Nachricht. Eigentlich.
„Plötzlich kam es uns draußen nachts viel heller vor", schilderte Schüle der Badischen Zeitung. Ihr Nachbar Holger Männer pflichtet ihr bei. Noch skurriler: Im Garten eines Anliegers am selben Straßenabschnitt schlafen die Zierkarpfen seither nicht mehr. Das Licht scheine direkt in den Teich. Freiburg rüstet gerade 3.600 Leuchten im Norden der Stadt um, ein Projekt, das Strom spart und trotzdem Anwohner und Tiere um den Schlaf bringt.
Das ist kein Freiburger Einzelfall. Es betrifft gerade jede mitteleuropäische Stadt, die ihre Straßenbeleuchtung modernisiert.
Wien jubelt, Freiburg grummelt
Am 2. Januar 2026 veröffentlichte die Stadt Wien eine Meldung, die in der Fachwelt für Aufsehen sorgte. Der Verein Kuffner-Sternwarte hatte über zehn Jahre mit hochsensiblen Sensoren auf Dächern und Türmen die Helligkeit des Wiener Nachthimmels gemessen, im Stadtzentrum, am Stadtrand und im Umland. Ergebnis: Seit 2015 ist die durch Straßenbeleuchtung verursachte Lichtverschmutzung in der Zwei-Millionen-Stadt um 75 Prozent gesunken. Der Anteil der Straßenbeleuchtung an der gesamten Lichtverschmutzung lag 2015 bei rund 8 Prozent. Heute liegt er unter 2 Prozent.
„Mit der Umrüstung senken wir die Lichtverschmutzung der Straßenbeleuchtung nahezu gegen Null", sagte Stadträtin Ulli Sima. 80 Prozent der rund 133.000 Straßenleuchten sind bereits auf LED umgestellt, bis 2028 sollen es alle sein. Die Stadt spart 60 Prozent Energie, rund 1.000 Tonnen CO₂ pro Jahr, was dem Kerosinstoß von über 800 Flügen Wien–New York entspricht.
Das ist eine echte Erfolgsgeschichte. Nur keine vollständige.
Die Wiener Leuchten liefern zwei Farbtemperaturen: Geh- und Radwege sowie naturnahe Bereiche bekommen 3.000 Kelvin, warmweiß. Die Fahrbahnen 4.000 Kelvin, neutralweiß, in etwa die Farbtemperatur des Mondlichts, wie Wien erklärt. Das ist besser als die früher verbreiteten 5.000-Kelvin-Leuchten mit hohem Blauanteil. Aber noch nicht das Ende der Geschichte.
92 Prozent weniger tote Insekten — wenn man es richtig macht
Im Juli 2025 erschien im Spiegel eine Meldung, die kurz aufflammte und dann wieder verschwand. Fachleute der Forschungsgruppe Lichtverschmutzung und Ökophysiologie des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin hatten in drei Naturschutzgebieten in Baden-Württemberg Insektenfallen aufgehängt und über eine Saison Daten erhoben. Leuchten mit speziellen Blenden, die das Licht auf Straße und Gehweg lenken statt in die umliegende Landschaft, zogen nur halb so viele Insekten an wie herkömmliche LED-Lampen ohne Blenden.
Im Dezember 2025 wurde das zugrundeliegende Produkt prämiert. „Tal Shield" der Firma Selux, gemeinsam mit dem IGB und der Technischen Universität Berlin entwickelt, erhielt den Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie „Transformationsprodukte Natur". Die Feldstudien-Zahl, die dabei zitiert wurde, ist eigentlich die wichtigste in der ganzen Diskussion: Die Anziehungskraft auf Insekten lässt sich gegenüber herkömmlicher LED-Beleuchtung um bis zu 92 Prozent senken, ohne die Verkehrssicherheit zu beeinträchtigen.
„Alles begann mit der Idee: Was wäre, wenn Leuchten Masken hätten, die den Lichtschein gezielt dorthin lenken, wo wir Licht in der Nacht benötigen?", sagte Dr. Sibylle Schroer, Koordinatorin der IGB-Forschungsprojekte zur Lichtverschmutzung. Dr. Franz Hölker, Leiter der Forschungsgruppe, hofft auf breite Anwendung, „vor allem in sensiblen Gebieten wie in der Nähe von Naturschutzgebieten, Süßwasserökosystemen oder anderen Gebieten mit hoher Biodiversität."
Pilotprojekte laufen in Ahrenshoop, Fürth und Karlsruhe. In Ahrenshoop, einem Ostseebad in Mecklenburg-Vorpommern, wurden 15 Rotlichtlaternen mit Seitenblenden in Betrieb genommen: In der Dämmerung leuchten sie gelb-orange, in den Nachtstunden rot. „Insekten können in der Regel rotes Licht nicht sehen", sagte Projektleiterin Annett Storm. Für eine Stadtmitte nichts, für den Ortsrand oder ein Naturschutzgebiet eine gangbare Lösung.
Was die meisten Städte noch immer übersehen
Herten in Nordrhein-Westfalen hat im Herbst 2025 die Umrüstung seiner Straßenbeleuchtung abgeschlossen: fast 7.700 Laternen, sechs Jahre Arbeit, 80 Prozent weniger Stromverbrauch, jährlich mehr als 1.200 Tonnen CO₂ gespart. Josef Ules, Leiter der Abteilung Hausanschlüsse und Straßenbeleuchtung bei den Hertener Stadtwerken, klang zufrieden: Man sei im gesamten Stadtgebiet angekommen.
Auch Trier meldete Ende November 2025, die gesamte Straßenbeleuchtung schneller als geplant auf vernetzte LED-Technik umgestellt zu haben.
Beides ist gut. Aber die IGB-Zahlen zeigen, wo die meisten Umrüstungen aufhören: bei der Glühbirne. Die Blende fehlt. Die Farbtemperatur bleibt zu hoch. Der ökologische Schaden besteht weiter, auch wenn die Energiebilanz stimmt.
Dominique Erb, die das Projekt „NaturLicht" beim Regierungspräsidium Karlsruhe betreut, formulierte es klar: Bei der Umrüstung auf insektenfreundliche Straßenleuchten sollte immer eine abgeschirmte LED-Variante mit niedriger Farbtemperatur gewählt werden — warmweiß oder amber, also bernsteinfarben. Besonders wichtig sei dies in Nähe wertvoller Lebensräume: Naturschutzgebiete, Bäche, Felder am Ortsrand.
Die Lösung existiert. Ob Kommunen sie beim nächsten Ausschreibungsverfahren abfragen, ist eine andere Frage.
Der Zielkonflikt, den niemand gerne ausspricht
Wer sich ernsthaft mit LED-Straßenbeleuchtung beschäftigt, trifft auf einen Widerspruch, den Behördenunterlagen selten direkt benennen. Die Leuchte, die für Autofahrer optimal ist, gleichmäßig hell, neutralweiß, gute Kontrastreproduktion, ist nicht dieselbe, die für Insekten, Fledermäuse, Igel und nachtaktive Vögel am wenigsten schädlich wäre.
Warmweiße Leuchten mit 2.200 bis 2.700 Kelvin reduzieren den Blauanteil, der die meisten Insekten anlockt. Manche Verkehrsplaner empfinden sie als zu dunkel für Fahrbahnen. Blenden dämmen das Streulicht, kosten aber mehr. Dimmsysteme, die die Leuchte um 2 Uhr nachts auf 30 Prozent drosseln, schonen Energie und Tiere gleichzeitig, brauchen aber eine Steuerungsinfrastruktur, die viele Kleinstädte nicht haben.
Freiburg hat den Konflikt zumindest erkannt. Im Juni 2025 beschloss die Stadt, an Teilen des FR1 und der Granada- und Lembergallee Bewegungssensoren einzusetzen, die Straßenlaternen dimmen, wenn kein Verkehr kommt. Kein großes Programm, aber ein Anfang.
Was das für private Hausbesitzer bedeutet
Straßenbeleuchtung ist Sache der Kommunen, daran ändern die besten Argumente nichts. Aber wer selbst Außenleuchten plant, Einfahrten beleuchtet oder einen Garten mit Licht bestückt, kann die IGB-Erkenntnisse direkt anwenden.
Farbtemperatur: Für Hauseingänge, Terrassen und Wegbeleuchtung reichen 2.200 bis 2.700 Kelvin aus. Alles über 3.000 Kelvin macht unnötig viele Insekten zu Kollateralschäden. Das gilt auch für Gartenleuchten, die aussehen wie kleine Straßenlaternen, hübsch, aber ökologisch unnötig aggressiv, weil sie in alle Richtungen strahlen.
Blenden und Abstrahlwinkel: Eine Leuchte mit Vollblende oder Halbblende lenkt das Licht nach unten und vorne, nicht in den Nachthimmel. Das verringert nicht nur die Insektenanlockung, sondern hält das Licht dort, wo es gebraucht wird.
Bewegungsmelder statt Dauerlicht: Eine Leuchte, die nur bei Anwesenheit auf 100 Prozent läuft, richtet einen Bruchteil des Schadens einer Dauerleuchte an. Der eigene Teich dankt es, und die Zierkarpfen vom Rötebuckweg in Freiburg vermutlich auch.
Der erste große Schritt, weg von Natriumdampf, hin zu LED, ist gemacht. Wien feiert das zu Recht. 75 Prozent weniger Lichtverschmutzung durch Straßenbeleuchtung in zehn Jahren ist keine Kleinigkeit. Aber die verbleibenden 25 Prozent sitzen genau dort, wo es wehtut: im Streulicht, in der Farbtemperatur, im fehlenden Blendenschirm.
Den zweiten Schritt zu gehen kostet mehr Aufmerksamkeit als Geld. Man muss ihn nur wollen.
Quellen
- Presse-Service Wien: „Straßenbeleuchtung: Deutlicher Rückgang der Lichtverschmutzung in Wien durch Umrüstung auf LED", 2. Januar 2026 — presse.wien.gv.at
- Der Spiegel: „Straßenbeleuchtung: Neue Studie zeigt Vorteile von insektenfreundlichen Lampen", 21. Juli 2025 — spiegel.de
- IDW Online / IGB Berlin: „Deutscher Nachhaltigkeitspreis für insektenfreundliche Straßenbeleuchtung", 5. Dezember 2025 — nachrichten.idw-online.de
- Badische Zeitung: „Ist die LED-Beleuchtung in Freiburgs Norden Lichtverschmutzung?", 4. Juni 2025 — badische-zeitung.de
- Hertener Allgemeine: „Herten: LED-Straßenbeleuchtung – 80 Prozent Stromersparnis", 29. Oktober 2025 — hertener-allgemeine.de
- Stadt Freiburg: Pressemitteilung zu Bewegungssensoren an FR1 und Granada-/Lembergallee, 18. Juni 2025 — freiburg.de
- Originalstudie: Dietenberger, M., Jechow, A., Kalinkat, G. et al. „Reducing the fatal attraction of nocturnal insects using tailored and shielded road lights." Commun Biol 7, 671 (2024). doi.org/10.1038/s42003-024-06304-4


