Licht für Senioren: Wie viel heller die Wohnung im Alter sein muss und welches Nachtlicht Stürze verhindert

Das Robert Koch-Institut hat 2022 rund 2.100 Menschen ab 65 gefragt, ob sie im vergangenen Jahr gestürzt sind. 23,8 Prozent sagten ja. Bei den über 80-Jährigen war es jeder Dritte, genau 33,5 Prozent, und jeder Sechste aus dieser Gruppe war sogar mehrmals gefallen. Die Zahl ist seit 2019 nicht gesunken.
Gegen Stürze gibt es viele Mittel: Kraft- und Gleichgewichtstraining, ein zweiter Handlauf, weniger Teppichkanten, ein Blick auf die Medikamente. Das Licht steht in solchen Listen meist irgendwo unten, als Selbstverständlichkeit. Dabei ist es das Einzige auf der Liste, das man an einem Samstagvormittag mit einem Schraubenzieher und ein paar Leuchtmitteln erledigen kann. Und die Forschung dazu ist in den letzten Jahren überraschend konkret geworden.
Warum alte Augen mehr Licht brauchen
Das Auge altert auf zwei Wegen gleichzeitig. Die Pupille wird enger und lässt weniger Licht hinein. Die Linse wird dicker, gelblicher und streut mehr. Beides zusammen bedeutet: Bei gleicher Lampe kommt auf der Netzhaut eines alten Menschen deutlich weniger an als bei einem jungen.
Die Brancheninitiative licht.de schreibt in einer Pressemitteilung vom Februar 2026, die Augen bräuchten schon ab dem 35. Lebensjahr nach und nach mehr Licht, mit Mitte 50 ein Vielfaches der früheren Menge. Das deckt sich mit dem, was jeder kennt, der seinen Eltern beim Lesen zuschaut: Die Zeitung wandert zum Fenster.
Der Verlust trifft nicht nur das Sehen. Die Augenärzte Patricia Turner und Martin Mainster haben 2008 im British Journal of Ophthalmology ausgerechnet, wie viel vom blauen Lichtanteil, der die innere Uhr steuert, bei welchem Alter noch auf die Netzhaut kommt. Ein zehnjähriges Kind nimmt davon zehnmal so viel auf wie ein 95-Jähriger. Ein 45-Jähriger hat nur noch die Hälfte dessen, was er als junger Mensch hatte. Die innere Uhr bekommt also mit jedem Jahrzehnt ein schwächeres Signal, was schlechten Schlaf begünstigt. Und wer nachts schlecht schläft, steht öfter auf.
Dazu kommt die Blendung. Eine getrübte Linse streut helles Licht über das ganze Bild, licht.de nennt das Schleierleuchtdichte. Jeder kennt das vom Gegenverkehr bei Nacht. In der Wohnung passiert dasselbe mit einer nackten LED-Birne im Blickfeld oder mit einem Strahler, der sich im glänzenden Fliesenboden spiegelt. Mehr Licht hilft alten Augen also nur, wenn es nicht blendet. Das ist der Haken, an dem viele gut gemeinte Nachrüstungen scheitern.
Was die Pflegeheim-Studien zeigen
Die besten Daten stammen aus Pflegeheimen, weil dort Stürze sauber dokumentiert werden.
In Neuseeland hat ein Team um Yasaman Emad und Catherine Bacon in zwölf Pflegeeinrichtungen das Licht dort gemessen, wo sich 126 Bewohner tatsächlich bewegten, mit einem Durchschnittsalter von 85 Jahren. Veröffentlicht wurde das 2025 im Journal of Applied Gerontology. In 68,5 Prozent der Bäder lag die Beleuchtung unter der Empfehlung für konzentrierte Tätigkeiten, in 41,9 Prozent sogar unter dem Wert für allgemeine Nutzung. Je dunkler die Schlafzimmer und die Räume insgesamt waren, desto häufiger stürzten die Bewohner. Im Bad sank die Sturzrate mit jeweils 100 Lux mehr um rund 13 Prozent. Das ist eine Querschnittsstudie, sie zeigt einen Zusammenhang und keinen Beweis. Aber sie zeigt auch: Selbst in Einrichtungen, die für alte Menschen gebaut wurden, ist es oft zu dunkel.
Näher an einem Beweis kommt eine Untersuchung aus Boston. Forscher des Brigham and Women's Hospital verglichen 2022 zwei Paare von Pflegeheimen mit zusammen 758 Bewohnern. In je einem Heim wurde das Licht erneuert: tagsüber heller und mit mehr Blauanteil, von 18 bis 6 Uhr gedämpft und blauarm. Vorher stürzten die Bewohner in beiden Heimtypen etwa gleich oft. Nach dem Umbau lag die Sturzrate in den umgerüsteten Häusern um 43 Prozent unter der der Vergleichshäuser, 4,82 gegenüber 8,44 Stürzen pro 1.000 Bewohnertage. Die Autoren nennen das eine passive, günstige Ergänzung zur Sturzprävention.
Die dritte Studie ist die für den Hausgebrauch interessanteste. Ein Team um Sheryl Zimmerman von der University of North Carolina hat zusammen mit der Lichtforscherin Mariana Figueiro vom Light and Health Research Center in New York ein Nachtlicht der anderen Art getestet: bernsteinfarbene LED-Streifen, die den Rahmen der Badezimmertür nachzeichnen, einer oben quer, zwei an den Seiten herunter. Die Idee dahinter ist, dem Gleichgewichtssinn im Dunkeln eine senkrechte und eine waagerechte Linie zu geben, an der er sich festhalten kann. Verglichen wurde mit normalen Steckdosen-Nachtlichtern. Bei 38 Bewohnern mit Demenz, per Kamera über 8.591 Nächte beobachtet, sank die Sturzrate um 34 Prozent. Statistisch signifikant war das bei so wenigen Teilnehmern nicht, und die Autoren sagen das auch. Derzeit läuft deshalb eine große Folgestudie mit geplant 335 Bewohnern in 36 Einrichtungen.
Eine kleinere Feldstudie der University of Florida mit 15 selbstständig lebenden Senioren kam 2022 zu einem ähnlichen Befund. Mit LED-Streifen, die den Weg zum Bad markierten, gingen die Teilnehmer nachts messbar gleichmäßiger als mit ihren gewohnten Nachtlichtern.
Meine Lesart aus diesen vier Arbeiten, und das ist eine Einschätzung, kein Studienergebnis: Tagsüber ist mehr Licht besser, nachts ist weniger, aber gezielt gesetztes Licht besser. Die klassische Wohnung eines alten Menschen macht oft beides falsch herum. Tagsüber brennt eine einzelne Deckenleuchte mit der Birne, die seit Jahren drin ist, und nachts wird im Flur die volle Deckenbeleuchtung angeknipst, die blendet und den Schlaf beendet.
Wie hell die einzelnen Bereiche sein sollten
Für private Wohnungen gibt es keine verbindliche Lux-Tabelle, wohl aber brauchbare Anhaltspunkte. licht.de empfiehlt für barrierefreies Wohnen 300 Lux für die tägliche Routine. Für Bewohnerzimmer in Pflegeheimen nennt die Arbeitsstättennorm DIN EN 12464-1 mindestens 100 Lux Allgemeinbeleuchtung, 300 Lux für eine verstellbare Leseleuchte, eine Untersuchungsleuchte mit mindestens 1.000 Lux und eine Orientierungsbeleuchtung von 5 Lux für die Nacht.
Die 100 Lux Allgemeinbeleuchtung halte ich für eine Wohnung zu knapp. Das Minimum eines Pflegezimmers ist kein Ziel für ein Wohnzimmer. Unsere Empfehlung, keine Norm:
- Wohnzimmer und Küche: 300 Lux im Raum, an der Arbeitsplatte mehr. Wie viel Lumen das je nach Raumgröße bedeutet, rechnet unser Artikel Wie viel Lumen für welches Zimmer vor. Für ältere Bewohner würde ich den Wert großzügig nach oben runden.
- Leseplatz: Die 300 Lux der Norm sind ein Minimum für ein Pflegebett. Ein 75-Jähriger, der Zeitung liest, ist mit dem Wert der Untersuchungsleuchte, also 1.000 Lux auf dem Papier, besser bedient. Das schafft eine verstellbare Leseleuchte nah am Buch mühelos, eine Deckenleuchte nie.
- Bad: hell und schattenfrei, weil hier die Rutschgefahr am größten ist. Die Werte aus Neuseeland sprechen dafür, beim Bad am wenigsten zu sparen. Details zum Spiegellicht stehen im Artikel zur Badbeleuchtung.
- Flur und Treppe: gleichmäßig, ohne dunkle Ecken, mit Stufenmarkierung. licht.de empfiehlt, Stufen mit LED-Streifen zu markieren, die sich leicht nachrüsten lassen.
Bei der Farbwiedergabe nennt licht.de einen Ra-Wert von mindestens 80, besser höher. Mit schlechterer Linse ist jeder Farbunterschied wertvoll, etwa zwischen Tablettendosen. Was der Wert bedeutet, erklärt unser Artikel zum CRI-Wert.
Eine Kleinigkeit aus derselben Pressemitteilung, die beim Nachrüsten hilft: Eine alte 60-Watt-Glühbirne entspricht 700 bis 750 Lumen. Wer die LED kauft, die "wie 60 Watt" hell sein soll, ersetzt also genau das Licht, das vorher schon zu wenig war. Für ältere Augen darf es eine Stufe mehr sein.
Das richtige Nachtlicht
Nachts kippt die Rechnung. Wer um drei Uhr zur Toilette muss, braucht keine 300 Lux, sondern Orientierung, ohne dass der Körper glaubt, es sei Morgen.
Drei Regeln lassen sich aus Norm und Studien ableiten. Erstens tief anbringen: Die Orientierungsleuchte im Bewohnerzimmer gehört laut licht.de ins untere Raumdrittel, damit sie den Boden zeigt und nicht ins Gesicht leuchtet. Fünf Lux reichen dafür. Zweitens warm: Figueiro wählte für ihre Türrahmen bewusst Bernstein, also ein Licht fast ohne Blauanteil, das die innere Uhr kaum stört. Ein kaltweißes Nachtlicht ist genau das Falsche. Drittens automatisch: licht.de empfiehlt Orientierungsleuchten mit Bewegungs- und Helligkeitssensor, damit niemand im Dunkeln nach dem Schalter tastet. Wie man einen Bewegungsmelder so einstellt, dass er nicht ständig oder nie auslöst, steht in unserer Anleitung zum Bewegungsmelder.
Wer die Idee aus der Figueiro-Studie nachbauen will, braucht keinen Elektriker. Ein warmweißer oder bernsteinfarbener LED-Streifen mit Batterie oder Steckernetzteil und Bewegungsmelder, geklebt um den Türrahmen zum Bad, kostet wenig und ist in einer Viertelstunde montiert. Ob das zu Hause dieselbe Wirkung hat wie im Pflegeheim, weiß niemand. Die Floridaner Forscher weisen ausdrücklich darauf hin, dass Grundriss und Möbel in echten Wohnungen eine große Rolle spielen. Einen Versuch ist es wert, denn das Risiko liegt bei null.
Ein paar Details, die in keiner Studie stehen, aber aus der Logik folgen: Lichtschalter mit Leuchtpunkt am Bett und an der Schlafzimmertür, damit man sie im Dunkeln findet. Eine Nachttischleuchte, die sich mit einem großen Taster bedienen lässt statt mit einem Drehrädchen am Kabel. Und keine Kabel quer durch den Raum, auch nicht für die neue Leuchte.
Tagsüber: raus ans Licht
Die Boston-Studie deutet an, dass die Tagseite genauso zählt wie die Nacht. Der Effekt dort kam vermutlich aus beidem: besserem Sehen am Tag und stabilerem Schlaf durch eine klarere Hell-Dunkel-Grenze. Wenn die Linse nur noch einen Bruchteil des Blaulichts durchlässt, wie Turner und Mainster berechnet haben, dann braucht die innere Uhr am Tag umso mehr davon.
Kein Innenraum liefert das, was ein Spaziergang am Vormittag leistet, selbst bei bedecktem Himmel. Wer nicht mehr gut rauskommt, sollte zumindest den Sessel ans Fenster stellen. Eine Tageslichtlampe am Frühstückstisch kann im Winter helfen, was sie kann und was nicht, beschreibt unser Artikel zur Tageslichtlampe. Die Zusammenhänge zwischen Licht und Schlaf erklärt der Artikel zur inneren Uhr.
Kurz gesagt
Alte Augen bekommen weniger Licht ab und werden leichter geblendet. Die Wohnung sollte deshalb tagsüber heller und gleichmäßiger ausgeleuchtet sein als früher, mit indirektem Licht statt nackter Birnen, mit einer echten Leseleuchte und einem hellen Bad. Nachts gilt das Gegenteil: wenig, warmes, tief angebrachtes Licht, das von selbst angeht und den Weg zum Bad zeigt.
Wer seinen Eltern etwas Gutes tun will, fängt am besten mit dem Weg vom Bett zur Toilette an. Das ist der Weg, den sie jede Nacht im Halbschlaf gehen, und der, auf dem die Forschung die klarsten Hinweise gefunden hat. Ein LED-Streifen mit Bewegungsmelder ist die billigste Maßnahme auf der ganzen Liste, und die einzige, für die niemand turnen muss.
Quellen: Robert Koch-Institut, Gesundheitsberichterstattung: "Stürze (ab 65 Jahre)", GEDA 2022 (23,8 % mindestens ein Sturz, 33,5 % ab 80 Jahren) · Turner PL, Mainster MA: "Circadian photoreception: ageing and the eye's important role in systemic health", Br J Ophthalmol 92 (2008), 1439–1444 · Emad Y et al.: "Shedding Light on Falls: The Effect of Lighting Levels on Fall Risk in Long-Term Residential Care Facilities", J Appl Gerontol 44 (2025), 1318–1327 (126 Bewohner, IRR 0,87 je 100 lx im Bad) · Grant LK et al.: "Impact of Upgraded Lighting on Falls in Care Home Residents", JAMDA 23 (2022), 1698–1704 (758 Bewohner, RR 0,57) · Zimmerman S, Sloane PD et al., Figueiro MG: "Feasibility of a Novel Lighting System to Reduce Nighttime Falls in Assisted Living Residents With Dementia", JAMDA 25 (2024), 105227 (38 Bewohner, IDR 0,66, nicht signifikant) · ClinicalTrials.gov NCT05973448, The Nightlight Falls Prevention Study · Lu X, Luo Y, Hu B: "Exploring Older Adults' Nighttime Trips to the Bathroom Under Different Lighting Conditions", HERD 15 (2022), 167–182 · licht.de: Pressemeldung "Mehr Jahre, mehr Licht, mehr Sicherheit" (12.02.2026), "Licht für barrierefreies Wohnen" (07.03.2025), Lichtanwendung "Bewohnerzimmer" (DIN EN 12464-1), "Sehen im Alter"


