Wer eine Schreibtischlampe für ein Schulkind sucht, stößt schnell auf einen Satz, der fast überall steht: Kaltweißes Licht fördert die Konzentration. Er klingt nach Wissenschaft, und er hat tatsächlich eine. Nur lohnt sich ein Blick darauf, wann und wo diese Wissenschaft gemessen wurde. Die Antwort passt nämlich schlecht zu einem Kinderzimmer um sieben Uhr abends.

Selbst der Branchenverband ist sich nicht einig. Die Brancheninitiative licht.de empfiehlt für Unterrichtsräume, eine helle Beleuchtung mit kühler Lichtfarbe fördere die Konzentration. Auf ihrer Seite zum Kinderzimmer steht dagegen: "Eingesetzte Lichtquellen sollten die Lichtfarbe warmweiß haben." Beides stimmt, und der Widerspruch löst sich auf, sobald man auf die Uhr schaut.

Die Studie, auf die sich alle berufen

Die meistzitierte Untersuchung stammt aus Ulm. Oliver Keis, Hannah Helbig, Judith Streb und Katrin Hille veröffentlichten sie 2014 in der Fachzeitschrift Trends in Neuroscience and Education. 58 Schülerinnen und Schüler aus zwei zwölften Klassen, eine an einer allgemeinbildenden Schule, eine an einer Berufsschule, saßen fünf Wochen lang im November und Dezember in unterschiedlich beleuchteten Klassenzimmern.

Im einen Raum hing die übliche Leuchtstoffröhre mit etwa 3000 bis 3500 Kelvin auf Augenhöhe. Im anderen strahlte eine Anlage mit rund 5500 Kelvin indirekt an die weiße Decke, also großflächiges, bläuliches Licht von oben. Die Helligkeit war in beiden Räumen ähnlich, um die 300 Lux in Blickrichtung.

Das Ergebnis war deutlich. Im Konzentrationstest d2 verbesserten sich die Jugendlichen unter dem bläulichen Licht stärker, sie arbeiteten schneller und machten weniger Fehler. Beim Gedächtnis dagegen fand die Studie keinen belastbaren Effekt.

Jetzt kommt der Teil, der in Produktbeschreibungen nie auftaucht. Getestet wurde in der ersten Schulstunde, an der Berufsschule ab 7:20 Uhr, im dunkelsten Teil des Jahres. Der stärkste Effekt zeigte sich ausgerechnet an der Schule, die eine Stunde früher anfing. Und die Autoren schreiben selbst, dass sich ihr Ergebnis nicht auf andere Tageszeiten übertragen lässt. Bläuliches Licht wie in der Studie solle am Abend und in der Nacht sogar gemieden werden, weil es Schlafqualität und Einschlafzeit verschlechtern könne.

Die Studie zeigt also: Kaltes Licht hilft müden Jugendlichen im Winter am frühen Morgen. Über Hausaufgaben nach dem Abendessen sagt sie nichts, und wenn überhaupt, spricht sie dagegen.

Warum der Abend bei Kindern anders zählt

Ein Kind reagiert auf Abendlicht deutlich stärker als seine Eltern. Shigekazu Higuchi und Kollegen von der Kyushu-Universität haben das 2014 im Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism gemessen. Bei 580 Lux am Abend sank das Schlafhormon Melatonin bei Grundschulkindern im Schnitt neun Jahre um 88 Prozent, bei Erwachsenen um 46 Prozent. Die Stichprobe war klein, der Unterschied trotzdem fast doppelt so groß.

Noch interessanter ist der zweite Versuch derselben Studie. Gemessen wurde zu Hause, unter ganz normaler Zimmerbeleuchtung von durchschnittlich 140 Lux. Bei den Erwachsenen änderte sich nichts Messbares. Bei den Kindern sank das Melatonin deutlich. Gewöhnliches Wohnzimmerlicht reicht also schon, und eine Schreibtischlampe mit 500 Lux direkt vor der Nase ist erheblich mehr als das.

Die Ursache liegt im Auge: Kinder haben größere Pupillen und eine klarere Linse, die mehr kurzwelliges Licht durchlässt. Mehr dazu steht in unserem Artikel über das Nachtlicht im Kinderzimmer.

Wie hell der Hausaufgabenplatz sein sollte

Für Klassenzimmer nennt licht.de mit Bezug auf die Norm DIN EN 12464-1 mindestens 500 Lux. Morgens, abends und im Winter seien 750 Lux von Vorteil, in Grundschulen dürfe bei ausreichendem Tageslicht auf 300 Lux gedimmt werden. Für den Schreibtisch zu Hause gibt es keine Norm, aber diese Werte sind ein vernünftiger Maßstab.

Unsere Einschätzung: 500 Lux auf der Tischfläche reichen einem Kind. Die höheren Werte der Normen sind auch für ältere Augen gedacht, deren Linse weniger Licht durchlässt. Wie viel Lichtstrom eine Leuchte dafür braucht, rechnen wir im Artikel Wie viel Lumen für die Schreibtischleuchte vor.

Wichtiger als der letzte Lux ist die Verteilung. licht.de schreibt, das Licht solle die gesamte Tischfläche gleichmäßig ausleuchten und dürfe nicht blenden. Ein heller Lichtkegel auf dem Heft in einem sonst dunklen Zimmer zwingt die Augen bei jedem Blick hoch zum ständigen Umstellen. Die Deckenlampe gehört deshalb mit an.

Das ist die älteste und immer noch richtigste Regel. licht.de formuliert sie so: "Kommt das Licht bei Rechtshändern von links und bei Linkshändern von rechts, wirft die Schreibhand keine störenden Schatten."

Das klingt banal. Es wird trotzdem oft falsch gemacht, weil die Lampe dort steht, wo die Steckdose ist. Ein Kind, das jeden Buchstaben im Schatten der eigenen Hand schreibt, beugt sich tiefer übers Heft. Ein Verlängerungskabel kostet weniger als jede Lampe.

Die Lichtfarbe nach Uhrzeit

Aus den beiden Studien leite ich eine einfache Regel ab. Sie ist unsere Empfehlung, keine Norm.

Am Nachmittag, solange es draußen hell ist, darf die Lampe neutralweiß leuchten, um die 4000 Kelvin. Durchs Fenster kommt ohnehin bläuliches Tageslicht, die Lampe ergänzt es bloß. Im Winter ist es aber schon gegen halb fünf dunkel, und ab dann gehört warmweißes Licht um 3000 Kelvin auf den Tisch, nicht heller als nötig. Hausaufgaben nach dem Abendessen würde ich vermeiden, wo es geht. Wo es nicht geht: warmweiß und gedimmt.

Beim Kauf lohnt sich deshalb eine Leuchte, deren Farbtemperatur sich umschalten lässt. Bei LED-Schreibtischlampen ist das keine Luxusfunktion mehr, man muss nur darauf achten.

Zwei Dinge sollte man auf dem Datenblatt zusätzlich prüfen. Erstens die photobiologische Risikogruppe: RG0 heißt, dass von der Leuchte auch bei längerem Hineinsehen keine Blaulichtgefahr ausgeht (Einordnung im Artikel zu Blaulicht und IEC 62471). Zweitens das Flimmern, weil billige Dimmer die LED oft im schnellen Takt an- und ausschalten. Wie man das mit dem Handy prüft, steht im Artikel über LED-Flimmern.

Das Licht, das wirklich zählt, steht nicht auf dem Schreibtisch

Wer sich Sorgen um die Augen seines Kindes macht, sollte weniger an die Lampe denken und mehr an die Zeit draußen. Hier ist die Studienlage erstaunlich klar.

Pei-Chang Wu und Kollegen von der Chang-Gung-Universität in Taiwan schickten 2013 an einer Grundschule die Kinder in jeder Pause nach draußen und verglichen sie mit einer Nachbarschule ohne dieses Programm. Nach einem Jahr wurden 8,4 Prozent der Kinder mit Pausen im Freien neu kurzsichtig, an der Vergleichsschule 17,7 Prozent. Also halb so viele.

2018 folgte eine größere Studie mit 693 Erstklässlern an 16 Schulen, die Kinder trugen dabei Lichtmesser. Die Gruppe mit Pausen draußen entwickelte weniger Kurzsichtigkeit, das Risiko für ein schnelles Fortschreiten sank um 54 Prozent. Das Überraschende steht im Fazit: Grelle Sonne ist gar nicht nötig. Schon mehr als 200 Minuten pro Woche bei mindestens 1000 Lux zeigten eine Wirkung, und das erreicht man im Schatten eines Baums oder unter einem Vordach.

Zum Vergleich: Die beste Schreibtischlampe liefert 500 bis 750 Lux. Ein bewölkter Herbstnachmittag im Garten liegt ein Vielfaches darüber, wie unsere Lux-Tabelle von Natur bis Innenraum zeigt. Die Lampe schützt keine Augen, sie sorgt nur dafür, dass das Kind nicht im Halbdunkel schreibt.

Kurz gesagt

Ein Kind braucht am Hausaufgabenplatz rund 500 Lux, gleichmäßig verteilt, mit Licht von der Seite, auf der nicht geschrieben wird, und mit eingeschalteter Deckenlampe. Neutralweiß am Nachmittag, warmweiß am Abend, und eine Lampe, die beides kann. Die Konzentrationsstudie aus Ulm ist ein gutes Argument für kaltes Licht im Klassenzimmer um halb acht, aber keines für kaltes Licht über dem Mathe-Heft um halb acht abends.

Und wenn danach noch Zeit bleibt: raus, auch bei grauem Himmel. Für die Augen bringt das mehr als jede Lampe, die man im Handel findet.


Quellen: Keis O, Helbig H, Streb J, Hille K: "Influence of blue-enriched classroom lighting on students' cognitive performance", Trends in Neuroscience and Education 3 (2014), 86–92 (58 Schüler, Ulm, 5500 K gegenüber 3000/3500 K, ca. 300 lx, Tests in der ersten Stunde) · Higuchi S et al.: "Influence of light at night on melatonin suppression in children", J Clin Endocrinol Metab 99 (2014), 3298–3303 (Melatoninsuppression 88,2 % gegenüber 46,3 %, Heimversuch bei 140 lx) · Wu PC et al.: "Outdoor activity during class recess reduces myopia onset and progression in school children", Ophthalmology 120 (2013), 1080–1085 (8,41 % gegenüber 17,65 % neue Myopie) · Wu PC et al.: "Myopia Prevention and Outdoor Light Intensity in a School-Based Cluster Randomized Trial", Ophthalmology 125 (2018), 1239–1250 (693 Kinder, 54 % geringeres Risiko schneller Progression, ≥1000 lx wirksam) · licht.de, Lichtanwendungen "Kinderzimmer" und "Unterrichtsraum" (DIN EN 12464-1:2021-11)